Afghanistan: Wie die Taliban-Regeln Frauen und Kindern töten

Politik

Zuhause spürt sie auf einmal starke Wehen. Das Kind ist unterwegs, die Frau macht sich alleine auf den Weg ins nächste Krankenhaus. Bei einem Taliban-Checkpoint wird sie gefragt, wieso sie ohne Ehemann, Vater oder Schwiegervater das Haus verlässt. Sie hat Glück und wird wegen des medizinischen Notfalls weitergeschickt. Bis sie es aber nach mehreren Stunden ins weit entfernte Krankenhaus geschafft hat, ist es für ihr Kind zu spät. Die Frau stirbt nur wenig später.

Geschichten wie diese hat die Gynäkologin Renate Luze in Afghanistan unzählige miterlebt. „Viele kommen sehr spät zu uns, manche zu spät“, sagt die Österreicherin. Sie war für Ärzte ohne Grenzen von April bis Juni auf einer der wenigen Entbindungsstationen in Afghanistan. Inzwischen ist sie wieder zu Hause und eigentlich schon in Pension.

Den Menschen weltweit zu helfen, das ist ihre große Leidenschaft. Über ihre Erfahrungen in Afghanistan spricht sie ruhig, denkt auch an die schönen Momente zurück. Immer wieder denkt sie auch an „frustrierende“ Erlebnisse, wenn sie an die Situation vor Ort denkt.

Zwischen 80 und 100 Geburten hat das Boost-Krankenhaus, in dem sie gearbeitet hat, täglich gesehen. Die Klinik befindet sich in Laschkar Gah, der Hauptstadt der südlichen Provinz Helmand. „Zu wenig Platz und viel zu wenig Personal gibt es für den Andrang an Patientinnen“, erzählt Luze.

Ein tödlicher Mangel

Afghanistan hat eine der weltweit höchsten Sterblichkeitsraten für Mütter und Säuglinge. Nach früheren UN-Angaben sterben im Schnitt 638 Mütter pro 100.000 Geburten. Weil das nächste Krankenhaus weit entfernt ist oder die Familien die medizinische Hilfe nicht erlauben, bekommen Frauen und Kinder viel zu spät oder gar keine Hilfe. In den Kliniken gibt es noch dazu zu wenig Hebammen, Ärztinnen, Gynäkologinnen und Krankenschwestern. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, diesen Mangel zu beheben: Frauen dürfen unter den Taliban nur eingeschränkt ausgebildet werden.

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Seit der Machtübernahme des Taliban-Regimes 2021 hat sich das Leben von Frauen insgesamt massiv verschlechtert. Sie dürfen nicht mehr ohne Mann das Haus verlassen, dürfen draußen nicht singen oder laut sprechen. Sie wurden in Wahrheit vom öffentlichen Leben verbannt. Ihre einzige Aufgabe: Kinder zu bekommen, am besten viele Söhne.

Können sie das nicht, ist das in der afghanischen Gesellschaft ein besonders harter Schicksalsschlag. „Einer jungen Patientin mussten wir die Gebärmutter entfernen, sonst wäre sie verblutet. Ihr Kind ist bei der Geburt zu Hause gestorben“, erzählt die Gynäkologin. Luze weiß nicht, wie es der Frau heute geht.

Wer soll helfen?

Nach dem erlassenen Schulverbot für Mädchen über zwölf, wurde vor zwei Jahren auch die medizinische Ausbildung von Ärztinnen und Hebammen verboten. UNICEF warnt, dass Afghanistan bis 2030 bis zu 5.400 weibliche Gesundheitskräfte fehlen könnten, wenn die derzeitigen Einschränkungen bestehen bleiben. „Wenn die Geburtenhilfe im Land noch rarer wird, werden noch mehr Mütter und Kinder sterben“, sagt Luze.

6.000 Hebammen gibt es laut UN-Schätzungen in Afghanistan. Somit wäre eine Hebamme für etwa 4.000 Frauen zuständig. „Die wenigen die es gibt, sind überfordert“, sagt Luze. Zudem verteilt sich diese Zahl ungleich auf städtische und ländliche Gebiete. „Viele Frauen sind bei der Geburt auf sich alleine gestellt“, sagt die Gynäkologin. Komplikationen wie Blutungen und Infektionen können ohne Behandlung tödlich …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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