
Das Motto „Feel Good“, unter dem der Steirische Herbst 1993 stand, sorgte für Verwirrung. Denn das Festival war keine Wohlfühloase, die „Feel Good“-Leibchen fanden dennoch reißenden Absatz. Aus der Geschichte lernt man jedoch selten. Heuer hat Ekaterina Degot, seit 2018 Intendantin, das Schlagwort „Red Flags“ ausgegeben. So titelte der Standard: „In Graz werden rote Flaggen gehisst.“
Das Festival wurde am Donnerstag aber ohne rote Flaggen eröffnet. Er will genau das Gegenteil: Auf die Gefahr hinweisen, die von den Flaggen ausgeht. Denn man beugt sich ihnen: Besser nicht anecken, besser nicht fliegen, besser keine Ressourcen verschwenden …
Dies legte Degot auf dem Karmeliterplatz eindrücklich dar: „Mit ,Red Flags‘, die uns ,Stopp‘ signalisieren sollen, geben wir uns Ampeln, die niemals auf Grün schalten.“ Die Künstler dürften sich aber nicht darauf konzentrieren, ja nichts falsch zu machen, denn sie würden die Fähigkeit verlieren, Unerwartetes zu tun. Degot forderte Zivilcourage ein: Die „Nestbeschmutzer und Dissidenten“ gehörten zur Tradition des Festivals.
Die Intendantin sprach vor der Zentrale der ÖVP von einer Hebebühne aus. Sie hätte lieber den Balkon genutzt, denn immerhin hatten die Bürgerlichen einst den „Dschinn“, also das Festival, aus der Flasche gelassen. Doch ihr Ansinnen sei abschlägig beurteilt worden. ÖVP-Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl hörte zu. Gegenüber dem KURIER beteuerte er, dass man ihn gar nicht gefragt hätte. Aber die ÖVP untersagte tatsächlich die Rede auf dem Balkon. Auf diesem stand daher nur die dreidimensionale Karikatur des steirischen Panthers. Blöd gelaufen. Denn im nachfolgenden Wrestling-Kasperltheater von Julian Warner wurde der Geist von Hanns Koren, dem Kulturlandesrat der 1960er-Jahre, heraufbeschworen.
Gehörig Selbstmitleid
Vor zwei Jahren noch flickte der Herbst dem Mann im Wetterfleck gehörig am Zeug – in der Ausstellung „Horror Patriae“. Nun aber erflehte man Schutz: „Bürgerliches Lager hilf!“ – im Kampf gegen den „falschen Propheten“ (FPÖ), der dem Herbst den Garaus machen wolle. Doch der wirtschaftsliberale Blondschopf haute sich lieber mit dem grimmigen Krieger auf ein Packl.
In der äußersten Not wurde „Steirer Man“ angerufen – und der marschierte mit einer Blasmusikkapelle ein. „Wir sind das Volk!“, schrie der deutsche Moderator. Ziemlich kurzsichtig gedacht. Denn es war „das Volk“, das der AfD kürzlich zum Wahlsieg verhalf. Vor zwei Jahren ließ der „Herbst“ ein FPÖ-Verarsche-Plakate abrubbeln – als billiger Aufreger. Und nun diese plumpe Show. Dazu das Jammern der Intendantin vor dem Ende des Herbstes. Ach, wie selbstmitleidig!
Leider nutzte das Festival auch nicht die Produktion am Abend in der List-Halle, um zu zeigen, wofür es steht oder stehen könnte. Die bei Alex Baczyński-Jenkins in Auftrag gegebene Performance „Angelic Conversation“ ist glattes, gefälliges Tanztheater – mit dem Augenmerk auf Gesten mit Händen und Fingern.
Reizvoll hingegen – und Herbst-typisch – ist die Ausstellung „Red Flags“ in einem ehemaligen Schnitzel-Lokal: Man haucht dem leer stehenden, denkmalgeschützten Barockhaus am Griesplatz 34 subversives, leicht chaotisches Leben ein. Es geht in diesem Labyrinth um Feminismus, Krieg, Unterdrückung. Die niedlichen Tapeten im Kinderzimmer zeigen Szenen der häuslichen Gewalt (von Vanessa Baird), und im Saal entdeckt man Relikte einer einst rauschenden Party: Vielleicht ist der Traum der Gegenkultur endgültig geplatzt?
Zum Glück gibt’s gleich daneben ein Nachtespresso namens „The Hangover“.
Source:: Kurier.at – Kultur



