NS-Mythos entlarvt: Hitler baute nur 17 Kilometer Autobahn in Österreich

Wirtschaft

„Die Leute im Wirtshaus glauben heute noch, dass der Hitler die Autobahnen gebaut hat“, sagte der Historiker Bertrand Perz vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Diese Vorstellung sei eine „direkte Spätfolge der NS-Propaganda“. Die Realität sah völlig anders aus, wie ein mehrjähriges Forschungsprojekt, das der Autobahnbetreiber Asfinag finanzierte, nun erstmals umfassend wissenschaftlich belegt.

„Mit der Finanzierung dieses Forschungsprojektes übernimmt die Asfinag gesellschaftliche Verantwortung für die Aufarbeitung eines dunklen historischen Kapitels und eine zeitgemäße Erinnerungskultur“, sagt Asfinag-Vorstand Hartwig Hufnagl anlässlich der Präsentation des Buchs „Autobahnbau in Österreich unter NS-Herrschaft“ am Montag. „Auch heute bleibt die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus unverzichtbar.“ Und er räumt gleich mit dem NS-Narrativ, Hitler sei ein erfolgreicher Autobahnbauer gewesen, auf: „Die historischen Fakten zeichnen ein gänzlich anderes Bild.“

Straßen des Führers

In Deutschland wurden in den Jahren 1936 bis 1938 jährlich 1.000 Kilometer gebaut, später war es nur noch etwa die Hälfte. Die Nationalsozialisten präsentierten auch in Österreich den Autobahnbau als Prestigeprojekt. Groß inszeniert wurde der erste Spatenstich durch Adolf Hitler am Walserberg am 7. April 1938. „Man hat an x Orten Baustellen aufgemacht, eine Baustellentafel hingestellt und gesagt: Hier wird gebaut“, erklärt Perz. Flächendeckend entstand der Eindruck, überall passiere etwas. Die Zeitungen berichteten ausführlich über die „Straßen des Führers“ – ein Begriff, der die ideologische Vereinnahmung zeigt.

Doch hinter der Fassade: „Riesenprobleme, keine Arbeitskräfte, keine Maschinen und, und, und“, so Perz. Die Historikerin Gabriele Hackl-Schwind ergänzt: „Es war kein Infrastrukturprojekt, sondern ein Projekt der Propaganda für die Herrschaftsdarstellung.“

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Denn die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Ursprünglich waren 1.100 Kilometer in Österreich geplant, später mit der Strecke Richtung Villach 1.400 Kilometer. Bis zur kriegsbedingten Baueinstellung 1942 wurden in der „Ostmark“ lediglich 17 Kilometer Autobahn in Salzburg tatsächlich fertiggestellt und befahrbar gemacht. Rund 300 bis 330 Kilometer befanden sich noch im Bau, der Rest blieb in Entwürfen stecken.

18.000 Zwangsarbeiter

Was die Forschenden besonders überraschte: das geringe Ausmaß der Zwangsarbeit und die rassistische Systematik dahinter. Beim Autobahnbau in Österreich waren es am Höhepunkt gerade einmal 18.000 Zwangsarbeiter. Zum Vergleich: Beim Bau des Westwalls setzten die Nazis 500.000 Arbeitskräfte ein. Denn: Militärisch spielten die Autobahnen keine Rolle.

Die Historikerin Alexandra Wachter konnte rund 135 Lager und Massenunterkünfte an den Baustellen verorten, die sich „wie eine Perlenkette“ von Salzburg bis Wien und in den Süden Richtung Radstadt zogen. Die Bedingungen in diesen Lagern variierten je nach rassistischer Einstufung der Häftlinge. Ursprünglich für reguläre Arbeitskräfte konzipiert, wurden die Lager mit Kriegsbeginn mit Stacheldrahtzäunen und Wachtürmen zu Zwangsarbeiterlagern umfunktioniert.

Hygienischen Bedingungen verschlechterten sich dramatisch

„Am schlechtesten war es für die sowjetischen Kriegsgefangenen“, erklärte Wachter. „Die Pritschen wurden teilweise entfernt und nur noch Strohsäcke ausgelegt, die hygienischen Bedingungen verschlechterten sich dramatisch.“ Trotz massiven Arbeitskräftemangels durften jüdische Zwangsarbeiter nicht an den „Straßen des Führers“ arbeiten. „Weil die Straßen des Führers sozusagen nicht kontaminiert werden sollten durch jüdische Zwangsarbeit“, so Perz. Für Zubringerbauten und in Steinbrüchen wie in den KZ Mauthausen oder Gusen wurden sie hingegen eingesetzt.

„Die Nationalsozialisten reklamierten für sich: Wir haben die Autobahn erfunden“, sagte Perz. „Die ersten gab es aber in Italien, dann in den USA und auch vor der Machtergreifung …read more

Source:: Kurier.at – Wirtschaft

      

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