
Schriftstellerin Elli, laut Selbstauskunft „allein und trotzig“, sucht Ruhe zum Schreiben und zieht sich in den Wald zurück. Es ist der falsche Ort für Suche nach Ruhe. Hier herrscht die „zügellose Lebendigkeit“ der Natur. Der Wind in den Baumkronen und das Morgenlicht, das sich durch die Zweige auf den Waldboden drängt; die Vögel, die Frösche und insgesamt eine „Geschäftigkeit“, mit der Elli nicht gerechnet hat. Sie hätte es wissen müssen. „Der Wald ist beseelt, er speichert Geschichten“, wusste schon der kauzige Verpächter des kleinen Hauses, das Elli gemietet hat. Bald versteht sie, was er meint. Bei einem Spaziergang sieht sie auf einem bemoosten Baumstamm eine Gestalt. „Sie hob den Blick und sah mich an, aus Augen wie Kohlen.“
Düsterer Märchenwald
Jarka Kubsova erzählt in ihrem Roman „Im Licht des neuen Tages“ von mehreren Frauen, deren Leben auf besondere Weise miteinander verwoben sind. Den Rahmen bildet der angebliche Rückzugsort Wald, der sich zunehmend als düsterer Märchenwald mit Eigenleben zu erkennen gibt. Die Figuren, von denen die (über weite Strecken) Icherzählerin berichtet, sind zum Teil real. Da ist die geheimnisumwitterte Frau im Wald, Viktorka: Eine Figur mit historischem Hintergrund. Ihre tragische Geschichte wurde 1855 von der Schriftstellerin Božena Němcová im Roman „Die Großmutter“ neu erzählt. In diesem Klassiker der tschechischen Literatur berichtet Němcová von ihrer eigenen Kindheit und setzt ihrer Großmutter ein Denkmal. Viktorka, die nach einer unglücklichen Liebe samt Schwangerschaft von der Dorfgemeinschaft ausgestoßen und allein im Wald lebt, ist die einzig tragische Figur.
War sie das aber wirklich? Kubsova macht sich in ihrem Roman auf der Spur dieser Viktorka. Der finstere Wald könnte für Viktorka ebenso ein Freiheitsversprechen gewesen sein, wie er es für Elli ist. Beide sind in gewisserweise wilde, unangepasste Frauen, die durch den Wald streifen.
Eine solche war auch die Hauptdarstellerin im Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, das auf dem tschechischen Kunstmärchen „O Popelce“ (übersetzt „Über Aschenputtel“) basiert und ebenfalls von Božena Němcová stammt. 1820 in Wien geboren, ist Němcová heute eine Ikone der tschechischen Literatur.
In weiten Teilen ist dieser Roman ihr gewidmet. Jarka Kubsova, 1977 in der ehemaligen Tschechoslowakei geboren, erzählt aber auch von sich selbst und ihren Fluchterlebnissen. Sie kam 1987 nach Deutschland und musste vieles, das sie liebte, zurücklassen. Nach ihrem Bestseller „Marschlande“ aus dem Jahr 2023 verwebt sie in ihrem neuen Roman mehrere Frauenleben, tatsächlich gelebte und literarisch unterfütterte. Der verwachsene Märchenwald ist eine überzeugende Metapher für dieses Erzähldickicht, das sich, dank Kubsovas klarer Sprache gut entwirren lässt.
Source:: Kurier.at – Kultur



