
Ahmad Mansour, 50, arabischer Israeli und deutscher Staatsbürger, ist eine der wichtigsten Stimmen des öffentlichen Diskurses zu allem, was mit Integration, Islam(ismus), Radikalisierung etc. zu tun hat. Dass einer wie er unter Polizeischutz lebt, bezeichnet die Probleme, die er mit Verve und Kenntnis thematisiert, in a nutshell.
Nun hat er ein Buch vorgelegt, in dem er zu „Haltung ohne Hass“ auffordert. Und nein, es ist keine der üblichen „Haltungsübungen“, mit denen man sich üblicherweise als auf der „richtigen“, der moralisch überlegenen Seite stehend zu stilisieren versucht. Vielmehr eine auch aus persönlichen Erfahrungen gespeiste Analyse, welche präzise die Finger auf die Wunden unserer Gesellschaft legt.
Mit Positionen, wie sie Mansour vertritt, findet man sich schnell im „rechten Eck“ wieder – und der Autor beschreibt auch einschlägige Erfahrungen von Versuchen, ihn zu delegitimieren, Stichwort cancel culture – etwa durch die notorische Plattform Correctiv. Aber wer dieses Buch liest, wird schnell erkennen, dass auch jeder Vereinnahmungsversuch von rechts bei Mansour ins Leere laufen muss.
Eine zentrale These, welche das gegenwärtige Elend auf den Punkt bringt: „Die Spalter, die Radikalen, die Gefährder der Demokratie, das sind immer die anderen.“ Dies sei, so der Autor, „die bequemste Lüge, die wir uns erzählen“. Der tiefere Grund liegt in der durch die Digitalisierung immer weiter fortschreitende Fragmentierung der Gesellschaft.
Das wird sich nicht rückgängig machen lassen: Die klassischen Medien werden ihre „Gatekeeper“-Funktion nicht wieder gewinnen, das analoge Fernsehen wird nie mehr das „Lagerfeuer“ sein, um das sich die Familien versammeln und dergleichen mehr. Es wird hier großer Anstrengungen in Sachen Medien- und Demokratiebildung bedürfen – die freilich ihrerseits frei vom Verdacht ideologischer Manipulation sein müssen.
Rechts, islamistisch, links
Das Herzstück des Buches besteht in drei teils fiktiven Geschichten von Personen, die zeigen, wie Radikalisierung passiert – und zwar aus der Mitte der Gesellschaft heraus.
Da ist Markus, der beruflich wie familiär gut situierte Enddreißiger, der in der Pandemie den Boden unter den Füßen verliert und zum rechten Verschwörungstheoretiker wird. Da ist der 16-jährige Javad, von der Familie als „Ankerkind“ per Schlepper nach Deutschland geschickt; der Gefallen am westlichen Lebensstil findet, bis – auch unter dem Einfluss der Eltern – seine junge Liebe zerbricht und er sich zunehmend islamistischen Milieus zuwendet. Und da ist Jonas, der Jugendliche aus linksliberalem „Bobo“-Elternhaus, der sich am Ende auf „Free Palestine“-Demos wiederfindet und das „System Deutschland“ (zu dem er natürlich auch seine Eltern zählt) zerstören will.
Was hier nur holzschnittartig skizziert werden kann, beschreibt der Autor mit Feinfühligkeit und Empathie, welche neue Perspektiven eröffnet und auch bei den Leserinnen und Lesern je eigene Sichtweisen aufzubrechen geeignet ist.
Source:: Kurier.at – Kultur



