Gift im Blut: Warum das EU-Verbot von „Ewigkeitschemikalien“ überfällig ist

Politik

34,3 Mikrogramm, das ist, mit meinem Hausverstand betrachtet, nicht viel – für die EU-Behörden, verantwortlich für gefährliche Chemikalien in Lebensmitteln, ist es eindeutig zu viel. Und über Lebensmittel ist dieses Zeug mit Sicherheit in mein Blutbild gelangt, nicht nur in meines, sondern in das von allen der 110 Menschen aus neun EU-Ländern, die im Auftrag der europäischen Grünen untersucht worden sind. 

Als Pflanzenschutzmittel versprüht

Trifluoressigsäure, kurz TFA, nennt man die Substanz und weil die meistens aus Pflanzenschutzmitteln stammt, die europaweit auf unseren Feldern versprüht werden, habe ich es vermutlich mit dem Gemüse im Supermarkt verschluckt, oder auch mit dem Trinkwasser. Denn TFA taucht inzwischen überall auf, im Grundwasser, im Essen, im Boden – und es wird immer mehr. Die Substanz ist eine dieser „Ewigkeitschemikalien“ – die Chemiker nennen sie PFAS – die wegen ihrer gesundheitsgefährdenden Wirkung auch die EU seit Jahren beschäftigen. Der Name „Ewigkeitschemikalien“ ist wohlverdient, da sie quasi nicht biologisch abbaubar sind, reichern sie sich in der Natur immer mehr an – und damit auch in unseren Körpern.

Lange hatten die Gesundheitsbehörden bei den „Ewigkeitschemikalien“ weggeschaut. Die würden sich ohnehin quasi ruhig verhalten, mit nichts in Reaktion treten, also auch nicht mit unserem Innenleben. Doch immer mehr aktuelle Untersuchungen weisen in eine andere Richtung: TFA steht inzwischen unter dem Verdacht, Schwangere und deren ungeborene Kinder zu schädigen, oder die Fortpflanzungsfähigkeit zu reduzieren. Wie gefährlich etwa die EU-Gesundheitsbehörden die Substanz tatsächlich einschätzen, zeigt schon, dass sie die Mengen, die Menschen davon aufnehmen könnten, in den vergangenen Jahren um 70 Prozent gesenkt haben. In Frankreich hat man kürzlich in einigen Regionen Kinder und Schwangeren verboten, Wasser aus der Leitung zu trinken. Zu viel TFA drin.

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Von Regenjacken bis Löschschaum

Tausende dieser PFAS sind in Verwendung, das reicht von Regenjacken und Teflon-beschichteten Pfannen, Löschschaum für die Feuerwehr bis eben zu Pestiziden in der Landwirtschaft. Ein generelles Verbot wird zwar diskutiert, scheiterte aber zuletzt immer am Widerstand der chemischen Industrie, die bei den Brüsseler Behörden massiv Druck machte. Einzelne PFAS wurden zwar verboten, aber die wurden rasch wieder durch chemisch leicht abgeänderte Substanzen ersetzt.

PFAS sind leicht und billig herzustellen und wegen ihrer Stabilität praktisch und verlässlich einsetzbar. Daher seien sie auch für viele Anwendungen unersetzlich, argumentieren Vertreter der chemischen Industrie in Brüssel und verweisen etwa auf die Verwendung in der Medizin, wie für Injektionsbeutel oder Katheter. Das aber sind Einsätze in gut abgeschirmten Kreisläufen, die Pestizide dagegen, die weltweit versprüht werden, landen völlig unkontrolliert in der Umwelt – und dort bleiben sie, Ewigkeitschemikalien eben.

Problem wird immer nur noch größer

Ein Problem, das sich voraussichtlich weiter verschärfen wird, denn die EU hat zuletzt ihre Pestizid-Verordnungen überarbeitet, man will die Industrie von zu viel Bürokratie entlasten. Eines der Ergebnisse: Die Zulassung, auch für viele PFAS-Pestizide, muss jetzt nicht mehr regelmäßig erneuert werden. Sie bleibt gültig, auch wenn bei den Gesundheitsbehörden die Alarmglocken schrillen. Die PFAS-Pestizide würden ohnehin allmählich von der Industrie aussortiert, wiegeln auch EU-Vertreter in vertraulichen Gesprächen ab. Umweltschützer wie Global 2000 legen ganz andere Daten vor: Die nachgewiesenen Mengen in Obst und Gemüsen hätten sich in den vergangenen zehn …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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