Russischer Angriff auf Shopping-Center: „Das heißt, Ihr sollt Angst haben“

Politik

Der Alltag in Kiew sei bis zum Sommer recht normal gewesen. Tagsüber die Arbeit, kaum Luftalarm, pro Woche vielleicht ein russischer Angriff in der Nacht. „Seit August hat sich die Lage dramatisch verändert“, schildert David Bachmann, Österreichs Wirtschaftsdelegierter in der Ukraine, bei einem Gespräch in Wien.

Mittlerweile gebe es rund um die Uhr Alarm und acht Stunden am Tag keinen Strom. Die Russen verlagerten den Krieg auf die Wirtschaft. „So will Moskau der Ukraine das Rückgrat brechen.“ Angegriffen würden Tankstellen, in Kiew die Brücke über den Dnepr oder Supermärkte. Bachmann weiß: „Ein Angriff auf ein Shopping-Center, das heißt, Ihr sollt Angst haben.“

Die russischen Drohnen rauschten jetzt mit 600 bis 700 km/h daher. „Der Luftalarm kommt, wenn überhaupt noch einer kommt, 30 Sekunden nach dem Einschlag.“

Bachmann ist Ansprechpartner für österreichische Unternehmen in der Ukraine und lebt seit September des Vorjahres in Kiew. 80 Prozent seiner Zeit verbringt er in der ukrainischen Hauptstadt, 20 Prozent daheim in Wien bei der Familie.

„In Kiew wohne ich wie meine Kollegen aus der Botschaft im Hotel. Da gibt es einen Luftschutzkeller, mit höherer Wahrscheinlichkeit Strom und Warmwasser mit wenigstens 15 bis 16 Grad.“

Angriffe aufs Wasser

Die Lage an der Front sei völlig festgefahren, die Russen würden nun verstärkt Unternehmen, die Energieinfrastruktur und neuerdings auch die Wasserversorgung angreifen. „Das ist noch einmal eine Steigerungsstufe.“

Von dem Energie-Waffenstillstand zwischen der Ukraine und Russland, den US-Präsident Donald Trump jüngst verkündet hat, sei nichts zu merken. Die schwindende US-Unterstützung sei ein Riesenproblem. Insgesamt herrsche in der Bevölkerung mehr und mehr das Gefühl vor, „von den USA im Stich gelassen zu werden“.

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Wie die sprichwörtliche „Karotte vor der Nase“ wirke hingegen der vage in Aussicht gestellte EU-Beitritt der Ukraine, der von der Bevölkerung massiv befürwortet wird. „Es ist schon eine ziemlich absurde Parallelwelt, wo an der Front Tausende sterben und gleichzeitig wird in Kiew mit EU-Vertretern über Dinge wie den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft verhandelt“, sagt der krisenerprobte Wirtschaftskammer-Mann.

Wann sein Einsatz in Kiew enden werde, sei nicht absehbar. Das Leben, der Alltag sei mittlerweile „stressig, auch ein wenig gefährlich“. Er schlafe maximal vier Stunden pro Nacht. Aber er will auch etwas „beitragen“, sagt Bachmann. Seine bisherigen Stationen führten ihn ins Baltikum, nach Singapur oder – noch zu Zeiten Muammar al-Gaddafis – nach Libyen.

Wirtschaftlich gesehen, seien die offiziellen Statistiken mit Vorsicht zu genießen. Weil die ukrainischen Stahlwerke zerstört sind und die Häfen unter Beschuss stünden, hätten sich die Exporte des Landes nach Österreich seit 2021 auf 700 Millionen halbiert. Der einzige Bereich, der noch Wachstum verzeichne, sei der ukrainische Finanzsektor – mit Raiffeisen als der größten Auslandsbank.

„Not-Exporte“

Umgekehrt exportiere Österreich Waren im Wert von rund einer Milliarde Euro in die Ukraine. Dies seien aber gewissermaßen „Not-Exporte“, also etwa neue Schienen nach russischen Angriffen auf die Bahn-Infrastruktur.

Dennoch ergebe sich somit erstmals seit 13 Jahren ein Handelsbilanzüberschuss Österreichs. Bachmann: „Mittlerweile exportieren wir mehr in die Ukraine als nach Russland.“ Dies sei in einem historischen Kontext „beachtlich“.

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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