
Der Fokus des Kunstmarkts liegt derzeit auf London: Neben der Kunstmesse „Frieze“, die noch bis Sonntag andauert, hielten auch die großen Auktionshäuser ihre wichtigsten Versteigerungen der Herbstsaison ab.
Das Gemälde „Das bunte Leben“ von Wassily Kandinsky, das Jahrzehnte im Münchner Lenbachhaus hing, ist dabei für 31 Millionen Pfund (inklusive Prämien, umgerechnet 37,3 Millionen Euro) versteigert worden. Der Hammer fiel im Auktionshaus Christie’s am Mittwochabend. Bei der Auktion, die insgesamt 111 Millionen Pfund (131 Millionen Euro) umsetzte, wurde auch ein Werk von Francis Bacon und eines von Joan Miró um zweistellige Millionenbeträge verkauft.
Der Millionen-Kaufrausch früherer Jahre war damit allerdings noch nicht erreicht – auch wenn sich die Auktionshäuser geradezu akrobatisch verrenken, um ihre jeweiligen Ergebnisse oft unter Zuhilfenahme ständig neuer Vergleichsmaßstäbe als noch nie dagewesene Erfolge darzustellen. So setzte Sotheby’s bei seiner Auktion am Donnerstag 46 Millionen Pfund um, kommunizierte aber die Schlagzeile, dass am Londoner Standort über das ganze Jahr gerechnet der höchste Umsatz seit 2015 erzielt worden sei. Über alle Kategorien (das inkludiert Silberlöffel und Briefmarken) habe das britische Auktionshaus heuer mehr als eine Milliarde US-Dollar umgesetzt – hätte man den Betrag in der Landeswährung, dem britischen Pfund belassen, wäre die Milliardenmarke nicht geknackt worden. Das Star-Los der Auktion, ein Werk des Malers Willem de Kooning, blieb dann mit 9.8 Millionen Pfund (11,6 Mio. €) dann auch im einstelligen Pfund-Bereich.
All das macht „Dass bunte Leben“ zum Star der Auktionswoche. Das Gemälde war 2023 als NS-Raubkunst eingestuft und an die Erben der jüdischen Sammlerfamilie Lewenstein zurückgegeben worden. Zuvor hatte es einen jahrelangen Kampf um die Rückgabe des Kunstwerks gegeben.
Es handle sich „um ein wegweisendes Werk, das die Entwicklung der künstlerischen Formensprache des Künstlers auf den Punkt bringt und auf den außergewöhnlichen Wandel seines Stils in den darauffolgenden Jahren vorausweist“, hatte Keith Gill von der Abteilung für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts bei Christie’s zur Ankündigung der Auktion gesagt. Dabei sei es tief verbunden mit den kulturellen Traditionen von Kandinskys Heimat Russland.
Märchen mit altrussischen Motiven
„Das bunte Leben“ mit altrussischen Motiven und märchenhaften Figuren wurde von Kandinsky (1866-1944) in seiner Pariser Zeit gemalt, unter dem Einfluss von Stilen wie dem Fauvismus, dem Symbolismus oder dem Jugendstil. 1907 wurde es laut Christie’s zudem im Pariser Herbstsalon ausgestellt. Bis heute gilt es als Schlüsselwerk im Schaffen Kandinskys.
1927 erwarb es das Amsterdamer Sammlerehepaar Lewenstein. Nach dem Tod ihres Mannes Emanuel Albert Lewenstein (1870-1930) überließ seine Witwe Hedwig Lewenstein-Weyermann (1875-1937) das Temperabild dem Stedelijk Museum als Dauerleihgabe. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutsche Wehrmacht wurde das Werk im Oktober 1940 versteigert – laut Christie’s bekam der Sammler Salomon B. Slijper den Zuschlag. Dessen Familie verkaufte es 1972 der Bayerischen Landesbank (Bayern LB), die es 1973 als Dauerleihgabe ans Lenbachhaus übergab.
Jahrelanger Kampf um Rückgabe
Was folgte, war ein jahrelanger Kampf der Nachfahren der Lewensteins. Sie werteten die Auktion im Oktober 1940 als Unrecht und verlangten die Restitution. Ihre Argumentation: Die Familie habe das Bild 1938 bei einem Museum in Amsterdam zur Verwahrung gegeben, bevor sie vor den Nationalsozialisten in die USA floh. Ohne Erlaubnis sei es …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



