„König Ubu“ am Burgtheater: Die Horrorclowns sind an der Macht (und wir sind schuld)

Kultur

Muh, macht die Kuh, und zwängt sich durch die Reihen im Burgtheaterparkett.

Eigentlich müsste sie „Müh“ machen, wir sind schließlich in Frankreich, die Hauptfigur schreibt sich auch Ubu und wird Übü ausgesprochen, und wer diesen Gag zu schwach findet, der ist bei der Neuproduktion von „König Ubu“ fehl am Platz.

Denn Hausherr Stefan Bachmann bringt die Farce um die Machtergreifung und folgende Brutalität eines komischen Clowns – bitte in getragenem Ton sagen: Das! Stück! Der! Stunde! – von Alfred Jarry als Karikatur auf die Bühne. Und zwar weniger als die allzu naheliegende Karikatur von dummdreisten Machthabern, sondern von Erwartungshaltungen ans Theater: Man wird in eine Farce dessen geholt, was man im Theater sucht und eben auch nicht sucht, und so interessant das sein möge, es ist nicht wirklich aufgegangen.

Mitgelacht, mitgedacht

Dass Stefanie Reinsperger und Sebastian Wendelin zu Beginn unter der lebensgroßen Kuhverkleidung ihren Weg auf die Bühne durchs Publikum suchen (und zwar quer durch die besseren Plätze, wobei man sich vielleicht noch „haha“ denkt), eröffnet die erste große Tangente des Abends: Die Mechanismen der Farce werden gleich einmal aufs Publikum selbst scharfgestellt. Denn wer ist schließlich schuld, dass derzeit wieder die Horror-Clowns an der Macht sind oder an die Macht kommen? Wir natürlich, und das müssen wir jetzt mal ausputzen.

Etwa mit einer Klobürste.

„Wer war vor der Vorstellung scheißen“, ruft Reinsperger, mit einer braungefärbten Klobürste derart fuchtelnd, dass man sich ein wenig ekeln darf. Das klingt derb, zahlt aber vorerst einmal in jene Heiterkeit ein, die für den ersten Teil gebraucht wird. Denn Vater Ubu (Reinsperger, eingesprungen für Joachim Meyerhoff) und Mutter Ubu (Wendelin) wollen die Macht in Polen übernehmen, und dafür muss erst einmal der dortige Machthaber umgebracht werden. Und dafür rekrutieren sie einen Mann aus dem Publikum, ebenso wie sich danach drei Leute aus den vorderen Sitzreihen als erste Opfer des neuen König Ubu links und rechts der Bühne in die Faschiermaschine begeben dürfen.

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Und müssen.

Große Skikurs-Abschlussabend-Heiterkeit im Publikum, obwohl das natürlich ein fieses Spiel ist: ein Spiel nämlich mit jenen Mechanismen des Massendrucks auf den Einzelnen und jenes „lieber er als ich“, das die bescheuerten politischen Entwicklungen von damals und heute erst möglich machen. Da wird Zwang und Druck weggelacht, der in anderen Händen, außerhalb der Burg, brandgefährlich ist. Jemand rief „Schleicht’s euch“, als er auf die Bühne sollte.

Mitgespielt

Wie weit das alles abgekartet war, tut nichts zur Sache: Der Beginn war ein hübsches Spiel damit, wie alle mitspielen. Auch jene, die ins Theater gehen, um dagegen anzufühlen, dass die Welt verroht, es kippt schnell. Und ab dann wird gemordet: Reinsperger schlüpft in Herrscherkluft und lässt die Untertanen wissen, wo der Bartl den Most herholt. Die dialektgefärbten Dialoge zwischen ihr und Wendelin sind blitzsaubere Schauspielkunst, ein Sprachritt durch die Brutalität derer, die nur durch ihre Kleinheit und Widerwärtigkeit an die Macht gekommen sind, zugleich eine Abhandlung über die Rettungslosigkeit der Menschen im Großen wie im Kleinen.

Dass sich das Schicksal König Ubus daran entscheidet, dass die Russen über die Ukraine in Polen einfallen, macht kurz verzweifelt. Wir haben in 130 Jahren, seit Jarry den …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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