Fliegender Atomreaktor: Das riskante Experiment der USA

Politik

Von Sydney nach London, ohne Zwischenlandung: Ab Oktober 2027 möchte die australische Fluggesellschaft Qantas eine der längsten Flugverbindungen der Welt nonstop anbieten. Möglich machen soll das ein eigens dafür entwickelter Airbus A350-1000ULR, der bis zu 22 Stunden in der Luft bleiben kann. Bei einem Testflug im Juli legte die Maschine bereits mehr als 23.000 Kilometer zurück.

So beeindruckend diese Zahlen sind, der Wunsch nach möglichst langen Flügen ohne Zwischenlandung ist keineswegs neu. Schon vor Jahrzehnten träumten Ingenieure von Flugzeugen, die tagelang, womöglich sogar wochenlang in der Luft bleiben könnten. Wie weit man für die Verwirklichung dieser Vision zu gehen bereit war, zeigt ein beinahe vergessenes Kapitel der amerikanischen Luftfahrtgeschichte.

Am 17. September 1955 hebt auf einem Militärflugplatz im US-Bundesstaat Texas ein Flugzeug ab, das es in dieser Form noch nie gegeben hat. Auf dem Heck des amerikanischen Langstreckenbombers prangt ein auffälliges Warnzeichen: das internationale Symbol für Radioaktivität.

Im Rumpf der Maschine befindet sich tatsächlich ein funktionierender Atomreaktor. Während das Flugzeug über den Südwesten der USA fliegt, wird er zeitweise in Betrieb genommen. Die US-Luftwaffe verfolgt damit ein ehrgeiziges Ziel: Sie will herausfinden, ob sich Flugzeuge eines Tages mit Atomkraft antreiben lassen.

Ein Bomber, der kaum noch landen müsste

Was heute nach Science-Fiction klingt, war in den 1950er-Jahren Gegenstand eines milliardenschweren Forschungsprogramms. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki hatten 1945 die verheerende Wirkung der Kernspaltung demonstriert. Nun untersuchten amerikanische Forscher, ob sich die Technologie auch für den Antrieb von Flugzeugen nutzen ließe.

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Mit dem beginnenden Kalten Krieg gewann das Vorhaben zusätzlich an Bedeutung. Amerikanische Bomber mussten im Ernstfall auch weit entfernte Ziele in der Sowjetunion erreichen können. Dafür benötigten sie große Treibstoffreserven oder waren auf Zwischenlandungen und Luftbetankung angewiesen.

Ein atomgetriebenes Flugzeug könnte dagegen theoretisch tagelang oder sogar wochenlang in der Luft bleiben. Für die US-Luftwaffe hätte das erhebliche strategische Vorteile bedeutet.

Wie schützt man Piloten vor einem Atomreaktor?

Für die Versuche wählte die US Air Force einen Bomber des Typs Convair B-36 „Peacemaker“. Die Maschine gehörte mit einer Spannweite von mehr als 70 Metern zu den größten Militärflugzeugen ihrer Zeit. Angetrieben wurde sie von sechs Kolbenmotoren und vier zusätzlichen Strahltriebwerken.

Ein Exemplar, das 1952 bei einem Tornado beschädigt worden war, wurde für das Atomprogramm umgebaut. Es erhielt die Bezeichnung NB-36H und den Beinamen „Crusader“.

Im Bombenschacht installierten die Ingenieure einen luftgekühlten Kernreaktor mit einer thermischen Leistung von rund einem Megawatt. Mitsamt seiner Abschirmung wog er knapp 16 Tonnen. Seitliche Lufteinlässe sorgten für die notwendige Kühlung.

Besonders aufwendig gestaltete sich der Schutz der Besatzung. Die ursprüngliche Cockpitkanzel wurde durch eine eigens konstruierte, rund elf Tonnen schwere Schutzkabine ersetzt. Die Fenster bestanden aus bis zu 28 Zentimeter dickem Bleiglas. Durch die starke Isolierung soll es im Cockpit gespenstisch ruhig gewesen sein.

Fünf Menschen fanden in der Kabine Platz: zwei Piloten, ein Flugingenieur und zwei Nuklearingenieure. Letztere waren für die Überwachung des Reaktors und der Strahlungswerte zuständig.

Der Reaktor ließ sich nach den Flügen aus dem Rumpf entfernen und wurde zwischen den Einsätzen in einer geschützten Anlage am Boden aufbewahrt.

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Falls der Atombomber abstürzt

Ein Absturz der NB-36H hätte auch die Freisetzung radioaktiven Materials zur Folge haben können. Die …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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