Ab aufs Schiff damit: Wie die EU ihr Plastikmüll-Problem verschwinden lässt

Politik

Verbrannt, vergraben, auf Deponien zu Plastikhügeln aufgetürmt: Es waren keine Umweltschutz-Aktivisten, sondern die EU-Kommission selbst, die in einem offiziellen Bericht erst kürzlich erschreckende Tatsachen aus der Türkei ans Tageslicht brachte. Plastikmüll, den europäische Länder, darunter auch Deutschland oder Österreich, dorthin exportieren, wird zu einem Gutteil nicht recycelt, sondern einfach in der Natur entsorgt. Unsere weggeworfenen PET-Flaschen verwandeln sich so in keine neuen PET-Flaschen oder andere Kunststoff-Fabrikate, sondern vielmehr in eine Umweltbelastung für Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte. 

Statt Export-Stopp nur Warnungen

Ein klarer  Bruch geltender Verträge von Seiten türkischer Unternehmen, doch Brüssel reagiert darauf nicht mit Sanktionen, sondern mit neuen, stark erweiterten Kontingenten für den Export von Plastikmüll in die Türkei. Die „schwerwiegenden Probleme“, die der Bericht anführt, werden lediglich damit abgetan, dass die Türkei versprochen habe, den Umweltskandal unter Kontrolle zu bekommen. Man werde, so das Urteil der EU-Kommission, den Umgang mit dem Plastikmüll genauer überwachen. Wenn nicht bald Gegenmaßnahmen gegen die Umweltverschmutzung gesetzt würden, überlege man sogar einen Stopp der Exporte. Vorerst aber dürfen die weitergehen, werden sogar ausgebaut, schlicht weil Europa derzeit keine andere Möglichkeit hat.

Größter Abnehmer außerhalb Europas   

Bei der Türkei handelt es sich nicht um irgendeinen Abnehmer für Europas Plastikmüll, sondern den mit Abstand größten. Mehr als ein Drittel von rund 1,5 Millionen Tonnen an Plastikmüll, der jährlich – meist in großen Containerschiffen – aus der EU abtransportiert wird, landet in der Türkei. Die Tendenz ist schon jetzt stark steigend, wird aber in wenigen Wochen einen gewaltigen weiteren Schub bekommen. Dann nämlich, wenn im November ein neues EU-Gesetz in Kraft tritt.

  „Glaube nicht, dass personelle Entscheidungen fallen werden“

Unter dem sperrigen Namen „Abfallverbringungsverordnung“ regelt es den Export von Plastikmüll aus der EU neu. Das Ziel, wenn Plastikflaschen&Co. schon nicht in Europa recycelt werden können, soll das anderswo passieren, aber eben unter der strengen Kontrolle europäischer Behörden. Wie zahlreiche Berichte von Umweltschutzorganisationen belegen, hat diese Kontrolle bisher wenig bewirkt. Der Plastikmüll türmt sich einfach statt in Europa irgendwo anders auf. Die neue Regelung hat daher den Export strikt auf OECD-Staaten beschränkt, damit fallen bisherige verlässliche Abnehmer wie Indonesien oder Malaysien aus. China, lange ein guter Kunde für europäischen Plastikmüll, hat sich vor einigen Jahren aus dem Spiel genommen und den Import aus Europa fast zur Gänze eingestellt.

Von den EU-Zielen meilenweit entfernt

Die Türkei, ein OECD-Staat, wird damit noch wichtiger. Denn in der EU selbst wird man des Plastikmülls einfach nicht Herr. Nur rund 40 Prozent werden bisher recycelt, damit ist man von den 70 Prozent, die man 2030 erreichen möchte, sehr weit entfernt. Steigende Energiekosten machen das Plastik-Recycling in Europa selbst immer kostspieliger, der Export ist damit die einfachere Lösung, um das Problem loszuwerden. 

Deutsche Recycling-Firmen klagen schon jetzt über zu wenig Material für ihre Anlagen. „Europa  versucht sein Problem mit dem Plastikmüll nach dem Motto, “aus den Augen, aus dem Sinn„ loszuwerden“, kritisiert Anna Leitner, Expertin für Ressourcen bei der Umweltorganisation Global 2000: „dafür ignoriert man einfach, dass es in Ländern wie der Türkei keine ausreichenden Kontrollen gibt, keine verlässlichen Daten und keine Zivilgesellschaft, die auf solche Umweltverbrechen aufmerksam macht.“ Doch trotz aller Maßnahmen, wie etwa dem österreichischen …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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