
„No te dejes“, lass dich nicht herumschubsen, ruft Gina Hinojosa in die Menge, die Leute machen das Echo: „No te dejes!“, hallt es von der Wiese, die Menschen recken die Fäuste in die Höhe.
Dass die Demokratin vor dem Kapitol in Austin gerade ihre halbe Rede auf Spanisch gehalten hat, dass ihr Motto für ihre Wahlkampagne spanisch ist, stört hier niemanden. In der texanischen Hauptstadt hat ein Drittel der Einwohner Latino-Wurzeln, im ganzen Bundesstaat sind es sogar mehr als 40 Prozent. „,No te dejes’ hat mir meine Oma immer gesagt, wenn ich vor einem Berg aus Problemen stand“, sagt Hinojosa, und das passt: Die 53-Jährige kämpft im Herzland der Republikaner darum, Gouverneurin zu werden. Doch die Chancen darauf stehen gut, auch dank ihrer Geschichte: Hinojosas Großmutter kam einst aus Mexiko in die USA, durfte aber nie offiziell Amerikanerin werden – wie so viele Menschen hier in Texas.
Wachsende Wählergruppe
Seit den 1980ern hat sich der Anteil der Latinos in den USA verdreifacht, mittlerweile ist jeder fünfte Amerikaner „Hispanic“, wie man hier sagt. Ihr politisches Gewicht stieg stetig: Ronald Reagan war der erste, der die Latinos als Wählergruppe gezielt adressierte, George W. Bush verhalfen sie zum Sprung vom Gouverneursamt in Texas nach Washington, und auch Donald Trump wäre 2024 ohne Latino-Wähler nicht ins Weiße Haus zurückgekehrt.
Auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag, traditionell republikanisch wählen die Latinos aber nicht. Sie sind eine inhomogene Wählergruppe, zu einem Gutteil Wechselwähler, Barack Obama etwa schaffte es, die Mehrheit der Latinos anzusprechen. In ihren Überzeugungen können Latinos auch widersprüchlich sein, zeigen Umfragen: Viele sind Katholiken, können Trumps Kurs in puncto Abtreibungen etwas abgewinnen. Zeitgleich gehört das Gros der Latinos der unteren Einkommensschicht an – sie verdienen wenig, obwohl sie mehr arbeiten als der Durchschnitt. Das macht sie empfänglich für „linke“ Politik der Demokraten, auch bei den Kongresswahlen: Diesmal wollen mehr als 60 Prozent der Latinos darum demokratisch wählen.
Austin als ICE-Ziel
Zuzuschreiben hat sich Trump den Absturz selbst. Neben den hohen Lebenskosten ist es seine rigide Immigrationspolitik, die Menschen mit Einwanderungsgeschichte abschreckt, auch hier in Austin. „Get ICE out“ und „Justice for Wilber“ steht ein paar Kilometer nördlich vom Kapitol an einem Pfeiler, am Boden liegen verwelkte Blumen. Im September hatten hier ICE-Männer mit Skimasken Wilber Garces Perez niedergeschossen, einen Essenslieferanten aus Venezuela, seine Aufenthaltsgenehmigung war abgelaufen. Die Beamten hatten ihre Bodycams ausgeschaltet, der 28-Jährige wurde schwer verletzt, doch ohne medizinische Hilfe in ein Detention Center gesteckt. Wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt drohen ihm nun 20 Jahre Haft.
„Das ist Racial Profiling“, sagt Gina Hinojosa bei ihrer Rallye, im Publikum wird gejohlt. Viele stimmen ihr zu, als sie sagt, Trump habe es mit Absicht auf demokratische Städte wie Austin abgesehen, die Zahlen sprechen für sich: Seit er im Oval Office sitzt, sind die Verhaftungen in Austin um 300 Prozent gestiegen.
Aber auch am Land hat ICE seine Spuren hinterlassen. Viele Arbeiter auf den riesigen Rinderfarmen sind Immigranten ohne Dokumente, die Razzien dort haben auch republikanische Wähler abgeschreckt. „Hinojosa kann ich nicht wählen, die ist mir zu extrem“, sagt ein …read more
Source:: Kurier.at – Politik



