
Hocherfreut verlassen die Wiener Modeschöpfer Susanne Bisovsky und Arbeits- und Lebenspartner Joseph Bonwit Gerger den digitalen Verkaufsraum. Den letzten Nerv kostete ein reklamierter Handschuh, dessen Farbnuance (schwarz) nicht passte. Ab 29. November muss die Kundschaft – mit wenigen Ausnahmen – also wieder persönlich in den Salon. Es sei ein „lang ersehntes Ende von Paketretouren“ und künftigen KI-Unannehmlichkeiten, teilen die beiden auf der Webseite des Modelabels mit. Über den Mut, langsamer als andere zu sein und die bewusste Entscheidung, sich der Hysterie der unendlichen Auswahl zu entziehen.
KURIER: Über das Schließen eines Online-Shops hat sich selten jemand mehr gefreut.
Susanne Bisovsky: Weil es sich wie eine Befreiung anfühlt. Es war extrem anstrengend und gar nicht so lukrativ, wie man glaubt. Wir haben den Shop in Coronazeiten gegründet, weil alle meinten, man muss online gehen. Aber es hat nie zu uns gepasst, zu der Mentalität des Salons.
Haben Sie zumindest Neukunden dadurch gewonnen?
Bisovsky: Die Hemmschwelle in den ersten Stock in einen Salon zu kommen, ist scheinbar für viele groß. Es war schon so, dass Leute, die ein paar Mal online bestellt haben und glücklich damit waren, es dann gewagt haben, und auch hier vorstellig wurden. Sie haben gemerkt, dass wir keine Menschenfresser sind, die Auswahl größer und die Beratung besser ist. Ist ein Rock zu weit, können wir sofort Änderungen durchführen. Auch das ganze Erlebnis sich hier aufzuhalten ist viel inspirierender.
Joseph Bonwit Gerger: Abgesehen von dem Schlagwort Nachhaltigkeit. Alle reden davon. Jetzt produzieren wir 100.000 Arten von Milch oder demselben Kleidungsstück. Wer braucht diese Auswahl? Ich hatte heute eine Vision, wie das mit Drohnen sein wird. Die liefern kreuz und quer alles bis ans Fenster. Das wird ein Gesurre sein in der Luft! Die Drohne kostet nichts, das Produkt kostet auch nichts, nur die Energie kostet. Aber warum muss man ein Produkt, das gut ist und da ist, millionenfach vervielfältigen und über den Globus hin- und herschicken? Wenn sich bei uns jemand fünf Röcke bestellt, weiß ich: Das kommt alles wieder retour.
Was hat der Versand gekostet – an Geld und Aufwand?
Bisovsky: Für größere Packerl waren es schon 15 Euro.
Bonwit Gerger: Oft kommt es kurz vor der Ablauffrist wieder zurück, aufgerissen, hineingestopft und, dem Geruch zufolge, getragen. In Summe mit allen Verordnungen und der KI, die alles manipulieren kann, sagen wir: Leute, kommt hierher.
Gab es denn schon Probleme mit der KI?
Bisovsky: Einmal wurden Weihnachtseinkäufe nach Shanghai umgeleitet.
Bonwit Gerger: Das ganze Geld war weg. Die Deutschen, die über Paypal bezahlt haben, haben es zurückbekommen, die Österreicher nicht. Ich bin dann zur Polizei, habe mitgeteilt, dass ich eine Cyberattacke hatte. „Da ist was mit Cyber“, hat der eine Kollege dem anderen zugerufen. Zwei Stunden bin ich dort gesessen, um dann zu erfahren, dass der Stick, auf dem das Protokoll war, verloren gegangen ist.
Bisovsky: Dieses ganze Business hat etwas eigenartig Kaltes. Es wird im Vorbeigehen irgendetwas bestellt. Es ist so unmenschlich. Josephs Mutter hat, egal wo sie war, mit Verkäufern ein Gespräch geführt und war dann gut gelaunt. Jetzt bleibt alles abstrakt, nüchtern. Wir wollen da gegensteuern. Rückschritt kann …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



