Russell Crowe als Nazi Hermann Göring: Fetter Mann in der Zelle

Kultur

Hermann Göring hat ein Drogenproblem. Sein neuer Arzt, der amerikanische Psychiater Douglas Kelley, erkennt es auf den ersten Blick. Die 40 Pillen, die Hitlers Stellvertreter und ehemaliger Reichsmarschall täglich hinunterspült, sind keine Herzmedikamente, sondern Opiate.

Kelleys Erstdiagnose seines prominenten Nazi-Patienten, abgesehen von dessen Drogensucht: Göring „leidet“ an überhöhtem Selbstbewusstsein, ist charmant und spricht Englisch.

Alles Eigenschaften, die „Gladiator“-Star Russell Crowe einwandfrei verkörpern kann. Der Oscarpreisträger spielt den feisten Kriegsverbrecher mit der Jovialität eines leutseligen Märchenonkels und muss nur manchmal ein grausames Glitzern in seinen Augen unterdrücken. Ihm gegenüber rackert sich Rami Malek, besser bekannt als „Bond“-Bösewicht oder Freddie Mercury, durch die wenig einsichtsvollen Arzt-Patienten-Gespräche: Als Dr. Kelley hat er die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die

22 Hauptangeklagten und Drahtzieher des Nazi-Regimes – darunter auch Rudolf Heß und Julius Streicher – vernehmungsfähig für den Nürnberger Prozess am 20. November 1945 sind.

Wie dieser Prozess überhaupt zustande kam, ist ein kleiner, aber interessanter Erzählstrang im behäbigen Historiendrama von Regisseur James Vanderbilt. Tatsächlich waren genügend Kräfte in der US-Regierung daran interessiert, die Nazi-Führung kurzerhand zu exekutieren. Doch unter dem Schlagwort „Recht, nicht Rache“ wurde der Nürnberger Prozess zum Exempel der Rechtsprechung für Verbrechen gegen die Menschheit.

Was Hermann Göring betrifft, so freut er sich schon siegessicher auf den Augenblick, in dem er vor Gericht seine Aussage machen kann. Seine Strategie: Ja, er war Hitlers Stellvertreter, aber nein, er habe von den Gräueltaten in den Konzentrationslagern nichts gewusst. Die Aufgabe des Psychiaters: sein Vertrauen zu gewinnen und ihn für den Prozess zu „knacken“.

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Vanderbilt versammelt ein profiliertes (hauptsächlich männliches) Schauspiel-Ensemble für seine ambitionierte, aber wenig inspirierte Geschichtsstunde im typisch düsteren Look der Hollywood-Prestige-Produktion. Sein dramatischer Fokus liegt auf der fatal-freundschaftlichen Verbindung zwischen Kelley und Göring, deren skurriler Höhepunkt darin besteht, dass Kelley den Briefträger für Göring und seine Ehefrau spielt und deren Tochter beim Klavierspielen zusieht.

Die Gefängnisgespräche – übrigens basierend auf dem Sachbuch „Der Psychiater und der Nazi“ des Wissenschaftsjournalisten Jack El-Hai – spitzen sich nicht nur zum Psychokrieg zwischen Arzt und Nazi, sondern auch zum wenig charismatischen Schauspielduell zwischen dem allzu selbstgefälligen Russell Crowe und dem fahrigen Rami Malek zu. Ein Schlagabtausch mit Zeilen wie „Sie sind nur ein fetter Mann in der Zelle“ oder „Ich bin das Buch, Sie nur eine Fußnote“ bietet weder Einsicht in Täterpsychologie, noch erhellt er die Banalität des Bösen. Mit Blick auf die politische Gegenwart aber liefert Kelleys Dolmetscher eine treffende Lektion. Auf die Frage, wie es zu den Gräueltaten der Nazis hatte kommen können, lautet seine Antwort: „Weil es die Leute zugelassen haben.“

INFO: USA/U 2025. 148 Min. Von James Vanderbilt. Mit Russell Crowe, Rami Malek. 

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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