Umfrage: Jeder vierte Arzt überlegt Ausstieg aus dem Kassensystem

Politik

Mit einer ernüchternden Umfrage wendet sich  die Wiener Ärztekammer an die Öffentlichkeit. 

Während Bundesregierung und Länder mit der so genannten Reformpartnerschaft hoffen, die Gesundheitslandschaft auf neue Beine zu stellen, dokumentiert eine im Auftrag der Ärztekammer erstellte Befragung von 1.021 Ärzten, dass die politischen Debatten und Maßnahmen möglicherweise  das Gegenteil von dem bewirken, was sie sollen. 

Jede vierte Ärztin bzw. jeder vierte Arzt (24 %) sagt, dass sie oder er angesichts der in Aussicht gestellten Maßnahmen überlegt, das öffentliche Kassensystem ganz zu verlassen. Und fast jeder dritte (30 %) erklärt, er bzw. sie überlege, den Job als Ärztin oder Arzt ganz aufgeben zu wollen. 

Das klingt einigermaßen dramatisch. Wie sind die Ergebnisse zu erklären?

Debatte bewirkt „das Gegenteil“

Johannes Steinhart, Präsident der Wiener und auch der Österreichischen Ärztekammer, erklärt gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Naghme Kamaleyan-Schmied in einem Gespräch vor Journalisten, woran es liegen könnte. 

Kamaleyan-Schmied ortet einen fundamentalen Irrtum der Politik: „Sie glaubt, dass sie mit den  geplanten Reformen Wahlärzte ins Kassensystem bringt und so den Druck und den Termin-Mangel entspannt. Tatsächlich passiert das Gegenteil: Die Wahlärzte wollen nicht ins Kassensystem, die Maßnahmen frustrieren die Kolleginnen und Kollegen derart, dass sie einen Ausstieg überlegen.“

Als Gründe nennen die Ärztevertreter unter anderem die verpflichtende Diagnose-Codierung, die vorgeschlagene Honorar-Obergrenze und Überlegungen, dass an der Uni ausgebildete Ärzte verpflichtend im öffentlichen System arbeiten müssen. 

Schwächung der Sozialpartner

Von den bekannten Vorschlägen der Reform im Gesundheitsbereich hält Steinhart eher wenig. „Alles, was wir bisher sehen, bedeutet eine massive Zentralisierung und Schwächung der Sozialpartnerschaft.“ Gerade in Zeiten knapper Budgets hält der Präsident das für gefährlich: „Der Vorteil unseres gegenwärtigen Systems ist, dass die Gesundheit nicht mit anderen Bereichen des Bundesbudgets in Konkurrenz geht. Es stellt sich nicht die Frage, ob der Staat Geld für Straßen, für Rüstungsgüter oder für Gesundheit ausgibt, die Gesundheit ist gesetzt – und das ist gut so und muss so bleiben.“

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Wartezeiten

Was aber tun, damit sich die Situation bei den für Patienten so belastenden Wartezeiten verbessert? 

Steinhart bringt das Modell des „Vertrauensarztes“ ins Spiel. Da die Allgemeinmediziner in Ballungsräumen wie Wien schon jetzt überlastet seien, hält es Steinhart für sinnvoll, wenn Versicherte einen Vertrauensarzt definieren können („Das kann auch ein Facharzt sein“), der sie durchs System lotst und den Patienten damit überflüssige Arzt-Besuche erspart.

Ambulanzgebühren

Kamaleyan-Schmied bringt noch einen anderen, unkonventionellen Vorschlag: die Wieder-Einführung von Ambulanzgebühren. „Wir wissen aus der Praxis, dass 90 Prozent der Patienten, die selbst ins AKH gehen, dort eigentlich nicht hingehören, sondern gut von niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen versorgt werden könnten.“

So sei es keine Seltenheit, dass Versicherte auch zur Nachtzeit in die Ambulanz gehen, obwohl kein akuter Notfall vorliegt.

„Wir sehen hier das Phänomen der ,Wünschdirwas‘-Medizin“, sagt Kamaleyan-Schmied. „Patienten kommen in die Ambulanz, weil sie selbst der Ansicht sind, sie müssten jetzt ein CT oder eine andere medizinische Spitzenleistung bekommen. Ob das therapeutisch sinnvoll ist, diese Frage stellen sich viele gar nicht.“ 

System entlasten

Mit einer Ambulanzgebühr, die „spürbar“ ist, wäre das laut Kamaleyan-Schmied zu beheben. „Wenn ich mir überlegen muss, ob ich wirklich ein Notfall bin, hilft das, …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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