Wiederkehr: „Schule bereitet nicht ausreichend aufs Leben vor“

Politik

Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) schlägt eine große Bildungsreform vor. Wie konkret sind seine Ideen zum „Plan Zukunft“?

KURIER: Sie haben einmal erzählt, dass Sie mit 15 Jahren fast aus ihrer Schule geflogen wären, weil sie Dinge hinterfragt haben. Dabei wirken Sie nicht wie ein Rebell – was ist damals passiert?

Christoph Wiederkehr: Ich war in meiner Pubertät recht rebellisch und habe Systeme stark hinterfragt, so auch in der Schule. Einer der Ausgangspunkte war, dass ich im Religionsunterricht hinterfragt habe, ob die Moral von Gott gegeben ist oder der Mensch sich die Moral durch eigene Gedanken zurechtlegt.

Sie waren in Salzburg am katholische Privatgymnasium Borromäum?

Richtig. Und ich war damals schon überzeugt, als Humanist und liberal denkender Mensch, dass der Verstand im Heranwachsen entsteht und nicht Gott gegeben ist.

Und was hat Sie damals schon am Schulsystem gestört, dass Sie es jetzt grundlegend reformieren wollen?

Die Motivation meiner heutigen Politik stammt auf jeden Fall aus einer Frustration der Schülerzeit und meinem Eindruck, dass die Schule nicht ausreichend auf das Leben vorbereitet. Das ist bis heute meine Motivationskraft, Bildungspolitik zu machen und Schule, wie sie heute passiert, anders zu denken.

Wir haben Sorge zur Reformidee einer sechsjährigen Volksschule zu fragen, und wieder nur Überschriften zu bekommen. Da muss es doch schon mehr geben, wie das aussehen soll, oder?

Es gibt eine Vision einer sechsjährigen Volksschule und internationale Evidenz aus anderen europäischen Ländern, dass diese zu mehr Chancengerechtigkeit und besserer Leistung führt. Mein Vorbild ist da etwa die Schweiz, dort gibt es landesweit eine sechsjährige Volksschule trotz föderalistischen Systems, was ich einen ganz spannenden Ansatz finde.

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Sie suchen jetzt Pilot-Volksschulen, die das umsetzen. Wer soll da unterrichten?

Volksschul-, Mittelschul- und Gymnasial-Lehrkräfte.

Aber die werden derzeit nach ganz unterschiedlichen Gehaltsschemen bezahlt, ist das nicht problematisch?

Das stimmt. In einer langfristigen Vision kann man auch das hinterfragen.

Was wird unterrichtet, ist ein neuer Lehrplan nötig? Neue Fächer? Sie sprachen von neuen Konzepten, die dann nötig wären?

Es muss natürlich neu gedacht werden. Das heißt, die ersten vier Jahre werden im Großen und Ganzen so bleiben, wie es jetzt ist. Jahr 5 und 6 muss neu gedacht werden, weil da schon Fachinhalte von Gymnasium und Mittelschule in eine längere Volksschule mit einfließen werden. Möglich wären, dann auch Fächerbündel zu unterrichten, etwa bei Naturwissenschaften oder Geisteswissenschaften, um so die Zusammenhänge zwischen den Themen den Schülerinnen und Schülern besser mitzugeben und den Unterricht noch spannender zu gestalten.

Soll es da unterschiedliche Leistungsgruppen geben?

Je länger ein gemeinsames Lernen passiert, desto stärker muss es eine Binnendifferenzierung geben. Das bedeutet, dass Gruppen nach unterschiedlichen Leistungsniveaus herausgelöst werden können, um auch individuelles Lernen zu ermöglichen und auch die Hochtalentierten gut fördern zu können.

Sie sagen, dass in Österreichs bestehendem Schulsystem Talente verloren gehen – wie soll diese Reform zu mehr Chancengerechtigkeit führen?

Wir haben aktuell bei neunjährigen Kindern die Situation, dass die für das Leben entscheidende Frage Gymnasium oder Mittelschule in einem sehr frühen Alter getroffen wird. Das ist eine Situation, wo ganz viel persönliche Entwicklung stattfindet, was wir aus der Entwicklungspsychologie wissen. Und in dieser sensiblen Phase wird eine extreme Drucksituation erzeugt, sowohl für Kinder, Eltern als auch …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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