
Wer spricht, wird nicht automatisch gehört. Denn ob jemand Aufmerksamkeit bekommt, hängt von vielem ab: Vom Auftreten, von der Kleidung, von der Stimme, von der Haltung – und nicht zuletzt vom Geschlecht. Aber selbst Sichtbarkeit ist keine Garantie, tatsächlich etwas zu bewirken. Davon ist Redeexperte Georg Wawschinek überzeugt. Im September ist er Keynote-Speaker bei der neuesten Ausgabe des KURIER Female Empowerment Events. Seine These: „Alle Sichtbarkeit der Welt nutzt einem nichts, ohne Wirkung.“
Was damit gemeint ist und weshalb gerade Frauen ihren Zugang zum Reden neu denken sollten, erklärt Wawschinek im Interview.
KURIER: Herr Wawschinek, Sie coachen seit über 30 Jahren Menschen in Sachen Wirkung und Präsentation. Woran erkennt man einen wirklich guten Redner? Wawschinek: Dass er nicht langweilig ist, auf den Punkt kommt und eine klare Dramaturgie hat. Präsentieren ist ein Handwerk, das man beherrschen muss, um zu wirken. Und dann braucht es noch das gewisse Extra, eine gewisse Unterscheidbarkeit. Personen, die in Erinnerung bleiben, sind jene, die ihr Thema wirklich verkörpern.
Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen? Egal ob Männer oder Frauen – beide sind vor einer Präsentation oder einer wichtigen Rede nervös. Was mir auffällt, ist, dass Frauen wesentlich kritischer mit sich selbst sind und auch ihre eigene Expertise eher hinterfragen. Aber Männer und Frauen sind in Wahrheit nicht so unterschiedlich. Ich halte es sogar für gefährlich, dass der Unterschied meist als so groß dargestellt wird.
Oft heißt es, Frauen wollen keine Sichtbarkeit und bleiben lieber im Hintergrund. Lange Zeit haben fast nur Männer meine Seminare besucht, weil sie in Managementpositionen waren, in denen Frauen deutlich weniger vertreten waren. Seit ich offene Seminare anbiete, habe ich einen gigantischen Frauenanteil – über 90 Prozent. Frauen wollten also schon immer mehr Sichtbarkeit, aber der Zugang dazu hat oft gefehlt. Heute werden mehr Frauen gefragt und auch gebucht.
Trotzdem geht die Entwicklung hier nur langsam voran. Was kann man tun? Ich halte nichts davon, auf der Couch zu sitzen und darauf zu hoffen, dass sich etwas ändert. Einfach machen, ist die Antwort. Und: Man hat lange versucht – und tut es teilweise immer noch –, Frauen eine männliche Wirkweise überzustülpen. Wenn Frauen sich verhalten wie Männer, wird ihnen Studien zufolge zwar Kompetenz zuerkannt, gleichzeitig aber Sympathie aberkannt. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht. Meine These: Wir müssen auch als Publikum lernen.
Was meinen Sie damit? Wir müssen lernen, Frauen in ihrer Weiblichkeit zuzuhören. Auf Bühnen und in Podcasts muss sich ein anderes Gespür dafür entwickeln, dass Kompetenz auch anders zugeschrieben werden kann und es unterschiedliche Wirkungsmuster geben darf. Der Appell an Frauen lautet: Schraubt nicht zu viel an euch herum. Und an alle anderen: Hören wir zu.
Was früher als charmant galt, wirkt heute mitunter fragwürdig. Was macht gute Wirkung heute aus? Damit sind wir bei der Authentizität. Sein und Wirken sind zwei unterschiedliche Dinge. „Sei einfach, wie du bist“, halte ich deswegen für einen schwierigen Rat. Das setzt voraus, dass man weiß, wer man ist und dass es nur ein einziges Ich gibt. Unsere Persona ist aber vielmehr eine Auswahl an Eigenschaften, die wir in …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



