
Bereits vor 50 Jahren hat Jutta Brückner einen Film über ihre Mutter gedreht. „Tue Recht und scheue niemanden“ (1975) hieß ihr Debütwerk und erzählte am Beispiel ihrer Mutter ein typisch kleinbürgerliches Frauenschicksal im 20. Jahrhundert. Damals war sie 34. Danach ging die Auseinandersetzung weiter. Ihr autofiktionaler Nachfolgefilm „Hungerjahre“ (1980) über das Aufwachsen einer Teenagerin im spießigen Nachkriegsdeutschland wurde zu ihrem größten internationalen Erfolg.
Doch das Thema Mutter lässt Jutta Brückner bis heute nicht los. Im Alter von Mitte 80 widmet sie sich erneut der oftmals schwierigen Beziehung zwischen Mütter und Töchter, und vollendete damit eine Trilogie.
In dem komplexen Drama „Im Spiegel meiner Mutter“ (ab Freitag im Kino) spielt die deutsche Starschauspielerin Corinna Harfouch eine Professorin für Archäologie namens Ursula, die mit der Demenz und dem Tod ihrer Mutter umgehen muss.
Dass sie tatsächlich nochmals zur Eltern-Kind-Thematik zurückkehren würde, habe sie selbst überrascht, erzählt Brückner im KURIER-Interview. Eigentlich habe sie sich nach den ersten beiden Filmen gedacht: „So, jetzt ist es erledigt. Aber dann wurde meine Mutter in den Zehnerjahren unseres Jahrhunderts dement, und langsam, Stück für Stück merkte ich: Nein, es ist keinesfalls erledigt. Es gibt noch so vieles zu erzählen.“
Das Jahr 2016 markierte den Beginn der MeToo-Bewegung und erwies sich als hilfreich, Gelder für ihr neues Filmprojekt zu lukrieren, so die Regisseurin: „Die Generation meiner ,Töchter‘ hatte ja geglaubt, das Leben sei ,Sex and City’, doch mit Beginn von MeToo merkte sie, dass das keineswegs der Fall ist. Es wurden gesellschaftliche Probleme benannt, denen sich auch die Männer stellen müssen. Und da wurden finanzielle Förderungen für einen Film wie meinen wieder möglich.“
Das Sachverhalt der mütterlichen Demenz, dem sich die Hauptfigur in „Im Spiegel meiner Mutter“ zu stellen hat, ist direkt aus Brückners eigenem Leben entnommen. „Das war eine sehr, sehr schwierige Zeit“, erinnert sich die Filmemacherin an den Krankheitsverlauf ihrer Mutter: „Es war schleichend und entwickelte sich in Schüben“. Manchmal aber wurde es auch „sehr fröhlich, weil sich bei meiner Mutter lange unterdrückte Fantasien entwickelten, die sie während zwei Kriegen, Inflation und Wiederaufbau nie ausleben konnte.“
Soldaten im Flur
So glaubte ihre Mutter beispielsweise, im Badezimmer eine Schachtel entdeckt zu haben, in der eine kleine Türkin wohnte; oder sie fand im Flur NATO-Soldaten, über die sie steigen musste, um zur Teeküche zu gelangen: „Ich habe schnell gemerkt, dass es keinen Sinn hat, ihr zu widersprechen“, meint Brückner: „Dieser Zustand hat ungefähr ein Jahr gedauert und war eigentlich eine wirklich schöne Zeit voller gemeinsamer Fantastereien. Aber dann wurde es immer schlimmer, und sie hat mich nicht mehr erkannt. Das ist ganz furchtbar, wenn ein Mensch, den man liebt, plötzlich so vollkommen seine Gestalt verliert. Selbst wenn man mit dieser Gestalt Schwierigkeiten gehabt hat, hat man sie geliebt. Das war am Schluss wirklich bitter.“
Auch Ursula muss sich im Film mit dem Verfall ihrer Mutter konfrontieren; gleichzeitig entdeckt sie in ihrem Job als Archäologin eine weibliche Moorleiche. Gemeinsam mit einer Assistentin seziert die Tote und rätselt über deren Identität.
Moorleiche
Die Idee mit der Moorleiche gefiel Brückner für ihren Erinnerungsfilm, der auch einige Traumsequenzen hat, aus zwei Gründen: …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



