Nachrichten von den Rändern der Geschichte

Kultur

Geschichte ist immer unvollständig. Je weiter man zurückblickt, desto lückenhafter und zufälliger wird das, was man über die Vergangenheit wissen kann. Deswegen legt die aktuelle Sonderausstellung des Papyrusmuseums, „Spurensuche Byzanz. Fragmente des Griechischen Mittelalters“, besonderes Augenmerk auf die fragmentarische Überlieferung, die uns zur Erforschung vergangener Kulturen zur Verfügung steht.

Die Ausstellung wurde anlässlich des 25. Internationalen Kongresses für Byzantinistik, der vergangene Woche in Wien stattfand, konzipiert. Sie zeigt eine Vielzahl von Objekten aus Papyrus, Pergament, Tonscherben und Papier, allesamt aus Beständen der Nationalbibliothek.

An der Schnittstelle

Das Byzantinische Reich war als Brücke von der Antike zur Neuzeit ein wichtiges Reservoir für verschiedene Schriftstücke. Zentrum war Konstantinopel, das heutige Istanbul, das 330 gegründet wurde und bis zur Eroberung durch die Osmanen 1453 Hauptstadt des oströmischen Reichs war. Die Byzantiner befanden sich somit an einer Schnittstelle zwischen der griechischen Antike, der römischen Staatsordnung und dem aufstrebenden Christentum.

Geschrieben wurde auf Griechisch, das Studium antiker Texte, von politischen Reden bis zu Homer, war üblich. Das ist auch der Grund, warum sich viele altgriechische Texte bis heute erhalten haben. So auch die Werke von Sophokles: In einem Kodex aus dem 14. Jahrhundert findet man neben dem eigentlichen Text von „König Ödipus“ auch eine Zusammenfassung der Geschichte und viele kleine Kommentare, die an den Rand gekritzelt wurden, um das damals schon rund 1.800 Jahre alte Griechisch besser zu verstehen.

Alltäglich und aussagekräftig

Doch um etwas über die Gesamtheit einer vergangenen Zivilisation zu verstehen, reicht es nicht, sich die großen literarischen Werke anzuschauen. Viel eher lässt sich der Alltag einer Gesellschaft über die kleinen, unwichtig scheinenden Schriftstücke erschließen. Briefe, Urkunden oder Gerichtsurteile erzählen viel über die alltäglichen Probleme und Ereignisse, die unseren eigenen doch sehr ähneln.

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Aber auch auf die Herkunft oder den Bildungsstand der Schreibenden kann man schließen, wie im ausgestellten Register der Patriarchen: Auf einer Doppelseite finden sich Unterschriften von byzantinischen Statthaltern, aus kleinen ordentlichen bis zu schwungvoll großen Buchstaben. Die Geübtheit der Handschriften lässt auf den Bildungsstand der Beamten schließen. Auf kleinen Schnipseln sieht man auch Schulübungen, samt Kritzeleien am Rand und Konjugationsübungen mit Grammatikfehlern.

Mehrfach verwendet

Interessant ist aber gerade, wie sich solche alltäglichen Schriften erhalten haben. Viel wurde einfach weggeworfen, in Ägypten gibt es regelrechte Müllhalden zusammengeknüllter Papyri, die in der trockenen Hitze bis heute konserviert wurden. Pergament wurde häufig wiederverwendet, durch Abschaben oder Abwaschen konnten es einfach wiederbeschrieben werden.

Heutzutage kann man mit modernen Technologien die ursprünglichen Texte lesen, in der Ausstellung sieht man beispielsweise ein Rezeptbuch mit Zaubersprüchen, das, um 90° gedreht, als Bibel recycelt wurde. Fragmente zerschnittener Texte findet man aber auch als Bucheinbände, Kleidungsetiketten oder als zusätzliche Polsterung für Kleidungsstücke. Gerade Bücher haben die Byzantiner oft mit alten Büchern repariert. Welche Fragmente bis heute erhalten bleiben, ist so aber völlig dem Zufall überlassen.

Genau das feiert die Ausstellung aber: die Zufälle, die kleinen Fragmente und besonders die Wissenschafter, die aus den kleinen Überbleibseln ein großes Bild schaffen.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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