
Dieses Buch hat schon lange vor seinem Erscheinen Schlagzeilen gemacht. Es tauchte nämlich die pikante Frage auf: Handelt der neue Roman von Rachel Cusk, „Das Leben der M“ von Hollywood-Schauspielerin Natalie Portman? Und: Wie findet das Natalie Portman, wenn es so wäre?
Nun ist so eine Frage bei der seriösen Beschäftigung mit einem literarischen Werk ziemlich nichtig. Und die kanadische Schriftstellerin hat kürzlich auch entnervt gemeint: „Darum geht es gar nicht.“ Aber man kann es den Exegeten nicht verübeln, dass sie auf die Idee kommen. Immerhin erinnert die Protagonistin M schon beachtlich an Portman. Auch sie hat bereits als 13-jähriges Kind in einem Film gespielt, den sich Gleichaltrige nicht anschauen hätten dürfen („Leon, der Profi“). Auch sie hat in einem düsteren Ballett-Film („Black Swan“) mitgewirkt. Auch sie hat Werbedeals mit Parfum-Marken. Auch sie ist sehr belesen (Portman hat einen Buchclub). Auch sie lebt in Paris, wo ihr Roman-Pendant zu leben scheint.
Erfundene Biografie
Gut, aber was bedeutet das jetzt für „Das Leben der M“? Nicht sehr viel, da kann man der Aussage der Autorin schon vertrauen. Nicht umsonst steht zu Beginn des Romans ein Dialog, in dem die Erzählerin der M sagt, dass sie mit dem Gedanken spielt, ihre Biografie zu schreiben, worauf die Schauspielerin fragt, ob sie sich dann alles ausdenken wird.
Cusk erzählt hier von einer Frau, deren Selbstwahrnehmung sich durch ihre so früh startende Berufsausübung verschoben hat. Ihre Erfahrung mit dem Filmen hat ihr gezeigt, dass „Wirklichkeit sich manipulieren ließ, wohingegen die anderen weiterhin an die Wirklichkeit glaubten. Es war, als spielten sie in einem Film mit, nicht M.“ M wird aber nicht als jemand beschrieben, der sich dadurch selbst erhöht oder wenigstens besser fühlt. Im Gegenteil. „Gelegentlich löst die Überspannung ihrer Identität einen Absturz in den Horror aus, als wäre sie unwissentlich in einer großen innere Leere gelandet.“
Nicht nett
Man sieht schon, sehr nett geht Cusk mit ihrer Protagonistin nicht um. Beispielsweise auch, wenn sie sie in einem Schauspiel-Workshop gestehen lässt: „Mein Geheimnis ist, dass ich kein Geheimnis habe“. Aber nett ist auch keine literarische Kategorie.
Der Roman verfolgt keine Handlung in dem Sinn, er begleitet M in verschiedenen Situationen: bei der Recherche in einer Ausstellung über eine neue Rolle, bei einer Lesung, bei einem Dinner, bei einem Treffen mit einem aggressiven Ex-Mann. Cusks klinischer Blick auf ihre Figur hat aber letztlich den Effekt, dass sie schlicht uninteressant wird. Was die Lektüre mitunter schleppend macht.
Dafür lockern unfreiwillig lustige stilblütenartige Formulierungen wie „Gelüste taten sich in ihr auf wie offene Schlunde“ gar nichts so selten auf. Ob Natalie Portman den Roman in ihrem Buchklub vorstellt, ist fraglich.
Source:: Kurier.at – Kultur



