Turrinis „Der tollste Tag“: Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt

Kultur

Brutus sei ein ehrenwerter Mann, wiederholt Mark Anton in William Shakespeares „Julius Caesar“ mehrfach – um genau das Gegenteil zu vermitteln. Die gleiche rhetorische Figur verwendet Figaro zu Beginn von Peter Turrinis „Der tollste Tag“, wenn er sarkastisch beteuert: „Mein Herr ist gütig.“

Immerhin überlässt er ihm, dem Diener, und dessen Braut Susanne eine Kammer. Diese liegt strategisch günstig: Neben den Schlafgemächern des Grafen. Almaviva hat zwar das Recht auf die erste Nacht abgeschafft, will aber nicht darauf verzichten. Da braucht es eine List. Und man kennt sie: Lorenzo Da Ponte verarbeitete die Vorlage von Beaumarchais aus 1784 wenige Jahre später in der Mozart-Oper „Le nozze di Figaro“. Und Turrini schärfte den „Tollen Tag“ 1972 nach – eben zum tollkühnen.

Eine bemühte Aktualisierung braucht es nicht: Die Erben haben noch immer leichtes Spiel, die Kluft zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen ist im letzten halben Jahrhundert nicht kleiner geworden, ganz im Gegenteil. Regisseurin Anna Stiepani griff daher nicht in den sprachlich brillanten Text ein: Sie lässt in den Kammerspielen der Josefstadt mehr oder weniger vom Blatt spielen.

Ihre solide Inszenierung (Premiere war am Samstag) kommt ein wenig betulich daher. Denn das Ensemble steckt in klassischen Rokoko-Kostümen (von Thurid Peine). Und das Bühnenbild ist unangenehm wuchtig. Wäre es nicht aus dunkelmarmoriertem Stein gemeißelt, könnte es auch für Johann Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ Verwendung finden: Oben wird geherrscht, in der winzigen, eingebauten Kammer darunter drängt man sich. Die brutale Macht durchbricht gerade einmal – wie ein Prellbock – auf der linken Seite ein Cembalo, mithin die Musik, die Kunst.

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Jenny Schleif glückte nebenbei ein nettes Statement: Es braucht Distanz, um alles gut im Blickfeld zu haben. Die Menschen auf den billigen Plätzen sind im Vorteil, in den ersten Reihen kriegt man leicht Genickstarre. Denn hinter der mannshohen Mauer sorgt ein Trampolin für Höhenflüge. Beherzt, zirkusartig katapultiert sich Claudius von Stolzmann in die Szenerie – und wenig später Johanna Martini. Beide strahlen unglaubliche Natürlichkeit aus.

Der Depeschenreiter

Der Draufgänger mit den wehenden Haaren sprüht vor Ideen, wie er seine Susanne vor dem Übergriff durch seinen gütigen Herren, der ihn als Depeschenreiter in die Wüste schicken will, verhindern kann.

Doch der quengelige wie selbstbezügliche Graf (Raphael von Bargen) hat einen schurkischen Mann namens Bazillus (Dominic Oley) für die Kontra-Intrigen. Sie werfen sich die heiße Kartoffel der Niedertracht – ein fauchendes Biest – zu: ein pantomimisches Gustostück. Hinzu kommen Helfershelfer, schmierige Figuren (mit dicker Schminke und Perücken). So entwickelt sich ein amüsantes Schachspiel samt beinharter Kritik an der Käuflichkeit der Justiz.

Die verbitterte, vereinsamte Gräfin Almaviva der Alexandra Krismer schlägt sich auf die Seite der Liebenden. Und zwischen die Fronten gerät ein hinreißend jammernder Marcello De Nardo als Cherubin, der, wenn er schon in Frauenkleidern als Falle dienen muss, etwas Glanz um die Lippen haben will.

Das berührt. Doch Turrini wollte kein Happy End. Stiepani ersann zum passenden Mozart-Duett und den Weltgerichtsszenen von Hieronymus Bosch ein derart unvermitteltes wie heftiges Schlussbild, dass man es kurz gar nicht glauben kann. Es wirkt nach.

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Source:: Kurier.at – Kultur

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