Hera Lind: „Ich habe mir die Männer erarbeitet“

Kultur

Sie ist der Inbegriff der Bestsellerautorin: Hera Lind hat 22 Millionen Bücher verkauft. Auf Buchpreise hat sie es nicht angelegt, erzählt sie im Gespräch mit dem KURIER am Rande eines sogenannten „Familientreffens“ in Salzburg, wo die gebürtige Bielefelderin heute lebt.

KURIER: Frau Lind, wen haben Sie denn da getroffen?

Hera Lind: Protagonistinnen und Protagonisten, deren Bücher ich entweder schon geschrieben habe oder noch schreiben werde. Diese Menschen haben mir ihre Lebensgeschichte geschickt, die ich unter hunderten ausgewählt habe, um sie zu einem Tatsachenroman zu machen. Etwa die Geschichte von Claudia, deren Leben ich in meinem Roman „Löwenmutter“ aufgeschrieben habe.

Ihr Buch „Erhobenen Hauptes“, das im November erscheinen wird, ist auch ein Tatsachenroman, allerdings ein historischer: Die Lebensgeschichte der jüdischen Holocaustüberlebenden Tamar Dreifuß.

Dieses Buch will ich seit zehn Jahren schreiben. Damals hat mein Verleger gesagt, das sei ein zu schwerer Stoff für mich. Ich sei bekannt für heitere Frauenliteratur, dieses Projekt sei ein zu krasser Gegensatz zu dem, was meine Leserinnen von mir gewöhnt seien. Inzwischen habe ich zwanzig Tatsachenromane geschrieben, die alle Bestseller wurden. Viele der Menschen, deren Geschichten ich erzählen durfte, haben Krieg, Diktatur, Flucht, Verfolgung oder den Verlust elementarer Rechte erlebt. Deshalb waren der Verlag und ich uns einig, dass nun die Zeit gekommen ist, dass ich auch über das außergewöhnliche Leben von Tamar schreiben sollte.

Tamar Dreifuß hat sich ausdrücklich gewünscht, dass Sie ihre Lebensgeschichte veröffentlichen.

Ja, denn sie wusste: Wenn ich das mache, dann lesen es Hunderttausende. Auch jene Leserinnen und Leser, die sich sonst überhaupt nicht mit dem Thema beschäftigen. Tamar, die letztes Jahr gestorben ist, hat bis ins hohe Alter als wichtige Zeitzeugin Aufklärungsarbeit gemacht, ist in Schulen gegangen und hat Vorträge gehalten. Sie hat gesagt: Ich habe zehn Jahre darauf gewartet, dass Hera Lind meine Lebensgeschichte schreibt. Denn sie erreicht die Menschen, die ich selber nicht erreiche.

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Möchten Sie mit diesem Buch auch so etwas wie Bewusstseinsbildung machen? Wir leben in Zeiten, in denen der Antisemitismus wieder um sich greift und in denen der Holocaust geleugnet wird.

Auf jeden Fall! In dem Tatsachenroman „Erhobenen Hauptes“ schildere ich, wie politische Stimmungen entstehen. Und was passieren kann, wenn Ausgrenzung, Menschenverachtung und autoritäres Denken irgendwann als normal hingenommen werden. Gesellschaftliche Veränderungen passieren selten von heute auf morgen. Sie beginnen oft dort, wo Feindbilder aufgebaut werden und wo immer mehr Menschen denken: So schlimm wird es schon nicht werden. Nach der aktuellen Wahl in Sachsen-Anhalt ist es umso wichtiger, sich für Demokratie zu engagieren. Das empfinde ich als persönliche Verantwortung.

Sie setzen sich mit diesem Projekt zwischen alle Stühle. Hier die Leserschaft von früher, die heitere Frauenliteratur will, dort die Historiker, die Sie vielleicht nicht ernst nehmen werden.

Ich werde viele Leserinnen erreichen, und ja, es wird vielleicht auch ein großes Erstaunen durch meine Leserinnenschaft gehen, aber ich habe schon viele historische Stoffe gemacht. Ich habe Stoffe behandelt, die im Zweiten Weltkrieg spielen und ich habe von DDR-Fluchtgeschichten erzählt. Da gab es zunächst einen Aufschrei: Wieso schreibt Hera Lind DDR-Romane, noch dazu, wo sie doch ein Wessi ist? Doch ich habe all diese Geschichten so umgesetzt, …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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