
Mädchen! Pferde! Zöpfe! Kleider!
Es ist auf den ersten Blick eine sehr freundliche Ausstellung, mit der die Horten Collection ihre zwei obersten Geschoße gestaltet hat. Das Publikum der Institution – und man sieht in Wiens Museen selten so viele Gruppen junger Besucherinnen und Besucher – wird eine Freude haben mit den Fabelwesen, die da aus Holz geschnitzt im Raum stehen oder von Gemälden herabschauen.
Wie Galionsfiguren auf Schiffen oder Wasserspeier auf mittelalterlichen Gebäuden lassen sich die Figuren, die den Kosmos der Elisabeth von Samsonow bevölkern, als Wesen begreifen, die den in die Welt geworfenen Menschlein mit animalischer Kraft zur Seite stehen: „Wenn das Unheil naht, müssen Zentauren helfen“, heißt ein Gemälde im oberen Geschoß.
Gleichwohl überrascht es, wie gut diese Welt sich mit den fliegenden Pferden von Marc Chagall, den bronzenen Hasen eines Barry Flanagan oder den Bären oder Affen des Ehepaars Lalanne vertragen, mit denen sich die Museumsgründerin Heidi Horten umgab: Die zuletzt gezeigte Sonderschau „Animalia“ war ihnen gewidmet.
Animalia und Animismus
Dass Neo-Direktorin Verena Kaspar-Eisert in der ersten großen von ihr programmierten Ausstellung nun den Schritt von den Animalia zum Animismus vollzieht, hat also eine gewisse Logik. Denn das Weltbild der Künstler-Philosophin, die lange an der Wiener Akademie für bildende Kunst lehrte und heuer den Staatspreis für Kulturpublizistik erhielt, geht von einer beseelten Natur aus.
„Die Erde schreiben“ heißt ein Gemälde, in dem sich eine Figur gleichsam aus dem Land erhebt. Hölzerne Pfähle, vage an Lautsprecher erinnernd, stehen als „Geo-Orakel“ im Raum; manch figurative Skulptur, die Samsonow aus Lindenholz schnitzte („Ich habe das Gefühl, dass der Baum etwas von sich mitbringt“, sagt die Künstlerin), wird zusätzlich noch mit Saiten ausgestattet und verbreitet einen Klang, der nicht mehr Geräusch ist und noch nicht Sprache.
Jenseits von Zeit & Raum
Der in der Wolle minimalistischer Rollkragenpullover gewaschene Rezensent fremdelt zugegebenermaßen ein wenig mit dieser Ästhetik.
Doch er verkennt nicht, dass das Formenvokabular auf einer intellektuellen Arbeit ruht, die ihrerseits an vielen Fundamenten rüttelt: Der Mensch steht dort nicht mehr im Mittelpunkt, er könnte auch die Perspektive anderer Lebewesen einnehmen („Die Revolution besteht im Pflanze werden“), die Zeit könnte nicht mit Uhren, sondern durch natürliche Zyklen organisiert sein („Wenn die Schwalben wiederkommen“).
Dass viele dieser Prinzipien im volkstümlichen Wissen, aber auch in der Populärkultur nicht so exotisch sind, wie sie im akademisch-künstlerischen Kontext anmuten, illustriert nur die Geschichte ihrer Marginalisierung.
Die von Samsonow pointiert geführte Gegenargumentation manifestiert sich auch durch Attribute, die man gern als „Dinge für Mädchen“ abstempelt (Pferde! Zöpfe! Schöne Kleider!). Bei der Philosophin, deren theoretisches Hauptwerk „Anti-Elektra“ (2007) gegen die Abwertung von jungen Frauen im psychoanalytischen Denken antrat, wird das Mädchen dagegen zur Trägerin radikalen Erneuerungspotenzials.
In der Fotoserie „Warum Frauen Land besitzen müssen“ inszeniert sich Samsonow dazu in der Tracht ihrer Mutter und Großmutter – Letztere hatte nach dem Tod ihres Mannes den Hof zu übernehmen und sah diese Rolle als Last an. Ohne Landbesitz würden feministische Zugänge aber oft folgenlos bleiben, insistiert Samsonow und verweist darauf, dass 95 Prozent des agrarisch genutzten Lands in Niederösterreich im Besitz von Männern ist.
Bodenlos ungerecht
Dass die gebürtige Bayerin mit dem …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



