Sechs Jahre Volksschule? Plan von Wiederkehr erzürnt ÖVP und FPÖ

Politik

Mit dem Schuljahr 2027/28 soll an ausgewählten Standorten ein Pilotversuch starten, der die vierjährige Volksschule um zwei Schuljahre erweitert. Neos-Bildungsminister Christoph Wiederkehr begründet seinen Vorstoß mit der hohen sozialen Selektivität des Schulsystems, denn in kaum einem anderen EU-Land werden Kinder schon mit zehn Jahren auf getrennte Schullaufbahnen aufgeteilt.

Bildungsforscher und internationale Studien (etwa der OECD) kritisieren seit Jahren, dass diese frühe Weichenstellung Ungleichheiten nur verfestigt, da die Entscheidung für AHS oder Mittelschule (Hauptschule) oft stärker vom Bildungsgrad und Einkommen der Eltern abhängt als von den tatsächlichen Talenten der Kinder. Zudem erzeugt der Notendruck in der 4. Klasse Volksschule erheblichen Stress für Familien und Pädagogen.

Laut Wiederkehr bleibt in den ersten beiden Schulstufen der Volksschule der Unterricht wie gewohnt. Aber bereits in der 3. und 4. Klasse sollen Lehrkräfte aus kooperierenden Mittelschulen oder AHS-Unterstufen punktuell im Unterricht mitwirken. Und in der 5. und 6. Schulstufe („Grundstufe III“) unterrichten Fachlehrkräfte der Partnerschulen nach dem Lehrplan der Sekundarstufe I.

Ziel ist ein Schulsystem, das Kinder nicht schon mit zehn Jahren schubladisiert.

Gleichzeitig bleibt der bisherige Volksschulpädagoge für vier bis sieben Wochenstunden als Klassenvorstand erhalten und übernimmt das neue Pflichtfach „Persönlichkeitsbildung“, das die psychische Widerstandskraft der Kinder stärken soll. Für individuelle Förderung stehen laut Wiederkehr vier Zusatzstunden zur Verfügung.

Um räumliche Engpässe an Volksschulen zu umgehen, kann der Unterricht der 5. und 6. Schulstufe organisatorisch auch direkt an den kooperierenden Mittelschulen oder Gymnasien stattfinden, erklärte Wiederkehr.

Und am Ende der 5. und 6. Klasse erhalten die Schülerinnen und Schüler kein Volksschulzeugnis, sondern ein AHS- oder Mittelschulzeugnis mit Ziffernnoten. Für den Wechsel in die 7. Schulstufe (3. Klasse AHS/Mittelschule) besteht eine Platzgarantie, bei erfüllten Notenvoraussetzungen sei auch der Gymnasialplatz gesichert.

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Wer macht da mit?

Der Schulversuch soll zunächst an mindestens fünf Standorten in wenigstens drei Bundesländern anlaufen. Interessierte Schulen können sich bis zum 16. Oktober bewerben. Allerdings sind die Hürden für eine Teilnahme hoch: Es bedarf der formellen Zustimmung der Lehrer- und Elternvertretungen am jeweiligen Standort sowie der betroffenen Klassen. Zudem muss zwingend eine Kooperation mit einer benachbarten Mittelschule und/oder AHS-Unterstufe vorliegen.

Völliges Neuland ist die sechsjährige Grundstufe in Österreich nicht: Im Bereich der Privatschulen mit eigenem Organisationsstatut („Statutschulen“, Montessori- wie auch Rudolf-Steiner-/ Waldorfschulen) wird das Modell seit Jahrzehnten praktiziert.

Wiederkehrs Vorgehen birgt gewissen politischen Sprengstoff: Der Schulversuch wurde weder mit der ÖVP noch mit der SPÖ abgestimmt, Wiederkehrs Vorschlag geht weiter als im Koalitionsvertrag vereinbart. ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti kritisierte den Vorstoß des Ministers scharf: Es sei unklar, welchen Mehrwert das Modell bieten solle. Ablehnend auch FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl, der das Projekt als reinen PR-Auftritt bezeichnet und als Versuch, „nach und nach die sozialistische Einheits- und Gesamtschule einzuführen“.

Aber selbst Befürworter längeren gemeinsamen Lernens sind skeptisch: Die Arbeiterkammer Wien begrüßte zwar die Intention, bezeichnete das Vorhaben als „Gemeinsame Schule Light“. Sinnvoller wäre aber die Weiterentwicklung einer gemeinsamen Schule bis 14.

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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