
von Helmut Christian Mayer
Nicht nur Poeten sondern auch Tonschöpfer regte der „Fauststoff“ immer wieder zu höchster Kreativität an. So auch Hector Berlioz, der seine Vertonung „La Damnation de Faust“ nennt und dessen selbst verfasstes Libretto von Goethes berühmtem Werk inspiriert ist. Allerdings bereitete es immer wieder Schwierigkeiten, sein kolossales Klanggemälde, das oratorienhafte Züge aufweist, in Szene zu setzen, zumal die 1846 in Paris uraufgeführte Oper auch in dieser Form stattfand und eine szenische Realisierung vom Komponisten nie intendiert war. Und so sollen die Bilder in der Einbildungskraft der Zuhörer entstehen. Erst 50 Jahre nach der Uraufführung wurde das Stück erstmals szenisch gezeigt.
Am Grazer Opernhaus versucht sich nun Lorenzo Fioroni bei der heurigen Eröffnungspremiere daran. Auf einem großen, von Hausfronten verbauten Platz, der bis in den stets für Auftritte genützten Zuschauerraum (Bühne: Sebastian Hannak) reicht und das Orchester in den Hintergrund verbannt, zeigt der Regisseur ein ziemlich überfrachtetes Spektakel mit überbordender Bilderflut: Ständige vorgefertigte oder Live-Projektionen von Kameras, Kulissen werden unentwegt herabgelassen oder von Bühnenarbeitern herein- oder herausgeschoben.
Faust haust in einem schäbigen, kleinen Anhänger, aus dem gleich zu Beginn Explosionen zu hören sind. Marguerite ist ein verführerisches Revuegirl im Glitzertrikot mit rosa Plüschumhang, die in einem Nachtlokal mit greller Neonreklame auftritt. Mephisto kommt mit einer Kutsche, zeigt sich später als Frau sowie als wahrer roter Teufel mit Hörnern und Schwanz sowie großen Flügeln (Kostüme: Katharina Gault).
Der Chor und die Statisten müssen entweder mit dicken Bäuchen in Auerbachs Keller herumtorkeln oder im Tutu als böse Geister ungelenk (außer die drei Profitänzerinnen) herumtanzen (Choreographie: Louis Stens) oder dann zum Finale als Musiker im Frack und mit Instrumenten vom zuerst überbauten, jetzt herunterfahrenden, roten Orchestergraben verschlungen zu werden. Faust und Mephisto besteigen schließlich einen bunten Ballon: Alles in allem ziemlich überbordende Ideen einer aus den Fugen geratenen Welt, hart an der Trivialitäts- und Kitschgrenze.
Fast keine Wünsche lässt hingegen das auch darstellerisch sehr geforderte Sängerensemble offen: Den an Weltschmerz leidenden Titelhelden singt Pavel Petrov emotionsreich mit schönem, höhensicherem Tenor. Anna Brull verströmt als Marguerite vor allen in ihren beiden herrlichen Arien wie „König aus Thule“ wunderbare Innigkeit und verfügt über eine reiche Schattierung an Farben und Emotionen. Bei einer kraftvoll-dämonischen Interpretation und facettenreicher Gestaltung ist Nikita Ivasechko ein stets zynischer, böser Méphistophélès. Solide: Fangyong Liangal (Brandner) sowie Richard Jähnig (Oriel).
Bei den riesigen, meist exakten Chören (Johannes Köhler) und den Grazer Philharmonikern unter Johannes Braun erspürt man viele der gewünschten Gefühle, so auch die Dämonie und die farbigen Klänge der zukunftsweisenden Musik. Bedingt durch die Situierung im Hintergrund fehlt es akustisch jedoch manchmal an genauerer Durchhörbarkeit und Exaktheit im Zusammenspiel. Mannigfaltig dynamische Abstufungen sind aber immer zu erleben wie ein insgesamt sehr organischer Musikfluss.
Großer Jubel und kein Widerspruch für die Inszenierung!
Source:: Kurier.at – Kultur



