Staatsopernpremiere: Therapiestunde und halbnackte Tatsachen

Kultur

Es ist erfreulich, dass die Wiener Staatsoper bei ihrer ersten Saisonpremiere zwei Werke zurück ins Repertoire holt, die zwar nicht wirklich gefehlt haben, die musikalisch aber so stark sind, dass sie dort zumindest vorübergehend ihren Platz absolut wieder verdienen.

Alexander Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“ (gespielt nur im Uraufführungsjahr 1917) und Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ (zuletzt gespielt 1989), zu einem gemeinsamen Abend kombiniert, zeigen noch dazu auf unterschiedliche Weise, dass Musik des 20. Jahrhunderts weder zwingend beißt noch zwickt, sondern einer interessierten Hörerschaft viel Applaus abzuringen im Stande ist.

Vor allem, wenn sie so fabelhaft realisiert ist wie von Dirigent Alain Altinoglu mit dem grandiosen Staatsopernorchester. Diese Werke, die sonst eher in kleineren Häusern oder bei Festivals auftauchen, in dieser Konstellation zu erleben, ist purer Luxus und ein Klangerlebnis.

Altinoglu gestaltet mit dem riesigen Klangkörper (Strauss und Wagner, schaut’s ruhig oba) das spätromantische, durchaus auch veristische Zemlinsky-Werk, das tatsächlich klingt, als wären viele Zutaten von Richard Strauss in kreativster Weise verkocht worden, sowie den rauschhaften, fiebrigen, analytisch, traurigen Bartók in höchster Präzision und Emotionalität. Die Ohren erleben, was die Augen bei dieser Produktion nicht sehen, Klanggewalt trifft auf herausgezoomte Details, erzählerische Kraft auf sentimentale Geste. Die Damen und Herren im Orchestergraben, von denen die meisten zuvor bestimmt noch keines der beiden Werke gespielt haben, machen diese beiden Opern mit philharmonischem Glanz zu den ihren.

Kurz und schmerzvoll

Abgesehen von ihrer Entstehungszeit (1917 bzw. 1918) und ihrer Kürze (je eine Stunde) haben die „Florentinische Tragödie“ (Text: Oscar Wilde) und „Blaubarts Burg“ (Text: Béla Balázs) auch inhaltlich einiges gemein. In beiden geht es um Beziehungen, um Liebe, Schmerz, Brutalität und Mord. In der „FT“ bringt der Ehemann Simone seinen Nebenbuhler Guido Bardi, den Prinzen von Florenz, um, was die Liebe seiner Frau Bianca wieder entfacht (heutzutage nicht leicht argumentierbar). In „BB“ entdeckt Judith hinter sieben Türen die schrecklichen Geheimnisse des Objektes ihrer Begierde.

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Regisseur Vasily Barkhatov heftet die Werke mit einer Klammer etwas bemüht zusammen: Die Paare sind da wie dort dieselben, der Prinz in „FT“ ist hier ein Psychotherapeut, der die kaputte Beziehung retten soll, in der Pause hat das Paar offenbar Versöhnungssex – und in „BB“ werden hinter den Türen all die Eheprobleme aufgearbeitet.

Kann man so lesen, muss man aber nicht, bringt keinen Erkenntnisgewinn. Die Therapiestunde mit dem biederen Psychoanalytiker (dass die Frau auf diese Schnarchnase von einem Mann abfahren soll – naja . . .) fällt um die Ebene des sozialen Gefälles um, und bei Bartók fehlt szenische Mystik. Gleich zu Beginn des Abends wird minutenlang eine Erklärung auf die Bühne projiziert (immer schwierig, wenn sich eine Interpretation nicht von selbst erschließt), wer die Inhalte nicht vorab studiert, wird sich trotzdem nicht auskennen.

Allerdings: Die Inszenierung im supereleganten Einheitsbühnenbild von Christian Schmidt stört und irritiert auch nicht. Noch dazu, wenn man darstellerisch wie sängerisch solche Persönlichkeiten auf der Bühne hat. Christopher Maltman ist in „FT“ ein phänomenaler, ausdrucksstarker, mächtiger Simone (neben dem vergleichsweise eindimensionalen Dmitry Golovnin in der komplexen Tenorpartie des Prinzen). In „BB“ sieht Florian Boesch nicht nur identisch aus wie Maltman zuvor, er macht …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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