
Straßenzüge in europäischen Innenstädten, die komplett verwüstet sind; Soldaten, die in den Citys auf Patrouille gehen; nächtliche Ausgangssperren – Szenen und Bilder, die eher an Kriegsgebiete erinnern als an die sonst übliche Beschaulichkeit in „Good Old Europe“.
Was geht da vor? Wo und warum geht vor allem die Jugend auf die Straße? Wie sind sie international vernetzt? Und wie reagieren die Regierungen auf die Gewaltexzesse und Plünderungen radikaler Gruppen? Ein Protestzug durch halb Europa.
Frankreich
Hier nahm der Aufstand Mitte September am Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry in Créteil südöstlich von Paris mit einem Lehrerstreik gegen Stellenabbau und chronische Unterfinanzierung seinen Ausgang. Die Schüler schlossen sich an, und rasch breiteten sich die Demos über das ganze Land aus.
Höhepunkt war das vergangene Wochenende, wo mehr als eine halbe Million Menschen an Kundgebungen teilnahmen, aber auch Randalierer für Verwüstungen sorgten, bei denen es sich um radikale Systemverweigerer oder schlicht Kriminelle handelte: Geschäfte wurden zerstört und/oder geplündert, Verwaltungseinrichtungen in Brand gesetzt, etwa das 143 Jahre alte Rathaus in der Stadt Limoges. Landesweit wurden mehr als 2.500 Menschen festgenommen. In Teilen der Hauptstadt Paris, aber auch in Lille, Lyon oder Nizza wurden nächtliche Ausgangssperren verhängt.
Den Grund des Unmutes der Heranwachsenden sieht die Soziologin Anne Muxel von der Elitehochschule Sciences Po in der Furcht vieler Burschen und Mädchen vor allem in ärmeren Gegenden, abgehängt zu werden und keinen gut bezahlten Job zu bekommen: „Die Schule wird in Frankreich nicht mehr als Instrument der Chancengleichheit empfunden“, so die Expertin zum Sender France Culture.
Belgien
Aus dem zuletzt genannten Grund schlossen sich Kommilitonen im benachbarten Benelux-Land den Protesten an, die sich gegen Kürzungen im Bildungsbereich richteten. Auch hier kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen.
Österreich
Hierzulande beklagen Studierende, aber auch Lehrende und Rektoren ebenso einen Kahlschlag von Mitteln in den Universitäten-Budgets (weil die Inflation nicht berücksichtigt würde). Für Donnerstag ist eine Großdemonstration in Wien geplant.
Griechenland
Wegen des Bildungsnotstandes, wie viele die Situation nennen, haben Studierende vor dem Parlament ein Zeltlager errichtet. Am Mittwoch soll es nach dem Willen der Studierenden, aber auch der Lehrergewerkschaft und der Elternverbände zu einem landesweiten Streik und Demonstrationen in Dutzenden Städten kommen.
Italien
In dem Mittelmeerland waren die Proteste, die sich vor allem gegen die hohen Lebenshaltungskosten richten, am Wochenende völlig aus dem Ruder gelaufen. In Bologna, Brescia, Bergamo, Turin oder Verona lieferten sich vermummte Gewalttäter Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften, es kam zu massiven Plünderungen. Besonders eskalierte die Situation in Mailand. Nach einer Krisensitzung der Regierung beorderte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni weitere 500 Soldaten in die Mode-Metropole.
Aufgefallen sei Ermittlern, dass es Parallelen gebe zwischen den Krawallen in Frankreich und in Italien. So seien auf dem Mailänder Domplatz Flugblätter von den Randalierern verteilt worden, die denjenigen zur Mobilisierung im Nachbarland frappant ähnelten. Zudem werde untersucht, hieß es aus Behördenkreisen, ob Algorithmen die Verbreitung von Aufrufen zur Gewalt in einem ungewöhnlichen Ausmaß begünstigt haben.
Was Demonstrationsbewegungen generell anbelangt, meint die Protestforscherin Michelle Beyeler von der Uni Zürich, dass sich solche schnell von einem Land auf das nächste ausbreiten könnten. Im Gespräch mit dem Schweizer Sender SRF nannte sie als Beispiel dafür die „Fridays for Future“-Demos, die ohne direkte Absprachen bald …read more
Source:: Kurier.at – Politik



