Ein Künstlerleben im Tanz: Neumeiers „Nijinsky“ in der Staatsoper umjubelt

Kultur

Von Silvia Kargl

„Nijinsky“ ist eine der besten Choreografien im großen und an Höhepunkten reichen Schaffen John Neumeiers. 2000 für das von ihm 51 Jahre lang geleitete Hamburg Ballett entstanden, erlaubt Neumeier nur ausgewählten Compagnien, dieses zweiteilige Ballett einzustudieren. Dass nunmehr das Wiener Staatsballett dazu gehört, darf als Auszeichnung für das Ballett unter der Leitung Alessandra Ferris gewertet werden.

„Nijinsky“ ist dem legendären Tänzer und Choreografen Vaslav Nijinsky (1889 – 1950) gewidmet. John Neumeier beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Leben und Schaffen des in Kyjiw geborenen Sohnes von Eltern polnischer Herkunft. Neumeier ist nicht nur ein profunder Fachmann für Nijinsky, sondern verfügt auch über die größte Sammlung an Dokumenten und Erinnerungsstücken. Schade, dass diese Sammlung nicht in Wien gezeigt wird. Zum Beispiel griff Neumeier für die ebenfalls von ihm entworfene Ausstattung auf Kreise zurück, wie sie sich in Nijinskys Zeichnungen vielfach finden.

Kein bisschen alt

Wie Neumeier Biografisches und die gespaltene Persönlichkeit Nijinskys auf die Bühne zu bringen versteht, wirkt auch 26 Jahre nach der Uraufführung kein bisschen alt. Im ersten Bild, das im Ballsaal des Luxushotels Suvretta in St. Moritz spielt, beginnt Neumeier mit Nijinskys Abschiedsvorstellung am 19. Jänner 1919. Tanztheater im besten Sinn, wird hier doch innerhalb von Minuten der Konflikt zwischen Nijinsky und der ihn bewundernden Hotelgesellschaft gezeigt.

Von der „Hochzeit mit Gott“ spricht Nijinskys Frau, die Tänzerin Romola, die als einzige den inneren Zustand ihres Mannes spürt. Die anderen lachen bei Nijinskys Auftritt. Was für ein Bild für einen Künstler, der als innovativer Choreograf wiederholt Ablehnung erfuhr. Gelegentlich blitzt sogar der für die Tanzgeschichte so bedeutende Stil des radikalen „Sacre“ Nijinkys auf.

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Expressivität und Unsicherheit

Ein bisschen irre tanzt Nijinsky da, in einem ganz eigenen Tanzvokabular in einer Mischung von Expressivität und nach innen gekehrter Unsicherheit. Alessandro Frola, der von 2019 bis 2025 im Hamburg Ballett tanzte, feierte nun in Wien sein Rollendebüt in der Hauptrolle.

Fantastisch, wie er sich den Konflikten von Bühnenrollen und privaten Episoden stellt, wie er springt, Akzente setzt und auch in sich zusammenfallen kann. Zu einem Höhepunkt gerät ein Pas de deux mit Nijinskys Impresario und Mentor, dem Leiter der Ballets Russes Serge Diaghilew, stark getanzt von Eno Peci.

Durch die Hochzeit mit Romola (Ketevan Papava) kam es zum Bruch der beiden, die auch im Privatleben ein Paar waren.

Die Ambivalenz der Persönlichkeit Nijinskys, der gleichermaßen Frauen und Männer anzog, lässt Neumeier auch in Erinnerungen an dessen berühmte Rollen anklingen. Diese werden choreografisch überzeugend ins Heute geholt, von Neumeier weitergedacht und weiterentwickelt. Als Tänzer brillieren Davide Dato (Harlequin und Geist der Rose), Victor Caixeta (Goldener Sklave und Faun) und Rinaldo Venuti (Petruschka).

Für die Tänzerinnen und Tänzer gibt es in diesem Ballett eine Vielzahl großer Rollen.

In die Dunkelheit fallend

Im zweiten Teil zu Musik von Schostakowitsch wird dazu das gesamte Ensemble gefordert. Die beiden Weltkriege, das Leid, Abschiednehmen, das Sterben rücken auch emotional berührend ins Zentrum. Weg sind die schillernden Paradiesvögel des Goldenen Zeitalters der Ballets Russes, nur Petruschka kann sich als Schwarz-Weiß-Clown neben dem immer mehr in Dunkelheit fallenden Nijinsky behaupten.

Auch musikalisch ist „Nijinsky“ mit dem Orchester der …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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