Österreichs Spuren in Russlands Rüstungsindustrie

Politik

Pointner war einer von mehr als 2000 Spezialisten, die Stalin am selben Tag bei der „Operation Osoawiachim“ aus der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands verschleppen ließ. Mit ihren Familien waren es über 6000 Menschen. „Mitunter traf es sogar Menschen, die zufällig anwesend waren“, sagt Historiker Christian Klösch vom Technischen Museum Wien.

Wissen abgeschöpft und weiterentwickelt

„Stalin wollte sich den technologischen Vorsprung des besiegten NS-Regimes sichern. Dafür ließ er ganze Betriebe demontieren und samt Maschinen und Forschungsgeräten in die Sowjetunion verfrachten“, so Klösch. Die Ingenieure mussten Anlagen wieder aufbauen und ihr Wissen an sowjetische Fachleute weitergeben. Beide Gruppen arbeiteten parallel an denselben Problemen. Die Ergebnisse der Verschleppten wurden übernommen, ohne dass diese erfuhren, was daraus entstand. „Die Sowjets wollten so lange wie möglich Wissen aus den Experten herausholen“, sagt Klösch. Als ihr Wissen abgeschöpft war, mussten manche nur noch landwirtschaftliche Geräte konstruieren und durften nach einer „Abkühlungsphase“ wieder heimkehren.  

Pointner kam auf die Insel Gorodomlja im Seligersee. Dort arbeiteten die Spezialisten abgeschottet in Laboren und an Raketenprüfständen. Sie erhielten Gehälter und lebten mit ihren Familien in einer Siedlung, durften die Insel aber nicht verlassen. Pointner fotografierte den Alltag. Als er schwer erkrankte, verdiente seine Frau mit Porträtaufnahmen dazu. Hunderte Bilder bewahrt Sohn Ernest bis heute auf.

Triebwerke des Tupolew Tu-95 gehen auf Österreicher zurück

Das technische Erbe dieser Arbeit reicht bis in Russlands Krieg gegen die Ukraine. Pointner berechnete Raketenbauteile und erforschte die Verbrennung von Treibstoff. Der Physiker Johannes Hoch aus Krems entwickelte ein Verfahren zur präziseren Zielerfassung von Flugabwehrraketen. Mit dem Wiener Josef Eitzenberger und dem Salzburger Werner Buschbeck arbeitete er am sowjetischen Flugabwehrsystem S-25 Berkut.

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Noch greifbarer ist die Verbindung bei der Tupolew Tu-95: Von diesem Langstreckenbomber feuert Russland Marschflugkörper auf ukrainische Ziele ab. Seine NK-12-Triebwerke gehen auf ein Team unter Leitung des Wiener Ingenieurs Ferdinand Brandner zurück. Brandner geriet bereits 1945 in sowjetische Hand und arbeitete später mit den 1946 verschleppten Spezialisten zusammen.

Tiroler Quantentechnologie von Interesse

Heute beschaffen Staaten fremdes technologisches Wissen anders. Im Fokus stehen auch Österreichs Universitäten: Mikrochips können in Waffen eingesetzt werden, Quantentechnologien künftig beim Knacken verschlüsselter Nachrichten helfen, Luftfahrtforschung militärisch nutzbar sein.

Vor allem Russland und China interessierten sich dafür, erklärt Historiker und Geheimdienstexperte Thomas Riegler. Informationen ließen sich über persönliche Kontakte beschaffen, Technologien über Zwischenhändler und Drittstaaten. „Die Herausforderung ist, diesen Netzwerken auf die Spur zu kommen“, sagt Riegler. Die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) warnt auf KURIER-Anfrage vor Cyberangriffen, der Anwerbung von Mitarbeitern und dem Missbrauch internationaler Forschungskooperationen.

An der Universität Innsbruck prüft man ausländische Wissenschafter genauer, bevor sie Zugang zu Laboren erhalten: Stimmen Lebenslauf, Fachkenntnisse und Referenzen? Robert Rebitsch, Ansprechpartner für Forschungssicherheit, sagt, Österreich habe erst vor rund zweieinhalb Jahren begonnen, entsprechende Schutzstrukturen aufzubauen. Andere europäische Länder seien weiter gewesen.

Messdaten auch für Militärs und Geheimdienste?

Das bringt die Universitäten in ein Dilemma. Wissenschaft lebt davon, dass Erkenntnisse möglichst frei geteilt werden. Der österreichische Wissenschaftsfonds und die EU verlangen, Forschungsergebnisse frei, in der Wissenschaftssprache „open access“, zugänglich zu machen.

Doch was etwa in der international renommierten Quantenforschung der Universität Innsbruck entsteht, kann auch für Militärs und Geheimdienste wertvoll sein. An sich werden Ergebnisse in …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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