
Man schlägt das Buch auf und gleich auf der ersten linken Seite eine etwas kryptisch anmutende Widmung – aber dazu später.
Martin Haidinger hat bewusst nicht „Antisemitismus“ in den Titel seines Buches genommen – dem Begriff attestiert er „Schwammigkeit“, und er ist mittlerweile wohl inflationär geworden – sondern das härtere Wort „Judenhass“. Diesem „Virus“ ist er durch die Jahrtausende hindurch auf der Spur; und man könnte sagen, ein solches Unterfangen – die mannigfaltigen und abgründigen Erscheinungsformen dieses Phänomens auf rund 200 Seiten abzuhandeln – kann nur scheitern.
Aber Haidinger ist nicht nur renommierter Wissenschaftsjournalist, sondern auch ein grandioser Erzähler, und so gelingt es ihm, die Leserinnen und Leser in die heikle Thematik hineinzuziehen.
„Saujud’“
Der Autor mischt gekonnt Anekdotisches und Familienbiografisches mit historischen Analysen. Gleich zu Beginn etwa werden wir Zeugen spielender Buben in den 1920er-Jahren, wo auch jüdische Kinder nichts dabei fanden, einander als „Saujud’“ zu beschimpfen; der einzige nichtjüdische Bub dieser Runde: der Vater von Martin Haidinger, Hans H. Begriffe wie der eben genannte seien auch unter jüdischen Kindern „Allgemeingut“ gewesen.
Wer verstehen will, wie tief solche Stereotypen verankert waren und weshalb, der muss in jene Seiten der europäischen Geschichte eintauchen, welche für gewöhnlich unterbelichtet bleiben.
Das bis heute immer wieder und gerade wieder besonders wirkmächtige Amalgam aus Antisemitismus und Antikapitalismus etwa ist keineswegs eine Frucht der Achtundsechziger-Bewegung. „Der katholische Vordenker und Freund Luegers, Karl von Vogelsang (einer der Ahnherren der katholischen Soziallehre; Anm.), hatte das auf die Formel gebracht: ‚Antisemitismus ist eigentlich Anticapitalismus‘“, schreibt Haidinger.
Apropos Christdemokratie: Ein Satz sticht hier insofern ins Auge, als er über den konkreten historischen und thematischen Kontext hinaus bis in die Gegenwart äußerst zutreffend erscheint: „Den Christlichsozialen dämmerte, dass ihr Pragmatismus nicht mehr ausreichte […] Eine zentral geführte Stoßkraft hatten die Christlichsozialen nicht, denn sie bestanden aus fragilen Einzelteilen, Berufs- und Länderorganisationen […]“
Christlicher Judenhass
Viele gängige Narrative zum Thema werden in diesem Buch durchkreuzt. Auch jenes, wonach christlicher Antijudaismus und rassischer Antisemitismus strikt voneinander zu trennen wären.
Das Christentum konnte sich schließlich nur in Abgrenzung zum Judentum entwickeln: „Juden und Christen befetzten einander in dieser frühen Phase mit Kampfschriften“, wobei durch das starke Anwachsen der christlichen Gemeinden diese Seite „obsiegte“ und damit auch den Antisemitismus einzementierte. Und an anderer Stelle: „Es waren nicht erst die Ideologen des 19. Jahrhunderts, die den Rassenhass erfunden haben.“
Bei der Darstellung dieser und vieler anderer Aspekte ist Haidinger jegliches moralisierende Pathos, jedwede anklagende Pose, wie sie gerade bei diesem Thema so gerne eingenommen wird, fremd. Gerade durch seine sachlich-nüchterne, immer auch um Objektivierung bemühte Darstellung erzielt er größtmögliche Wirkung.
„Grüß Gott“
Am Schluss erhellt sich die eingängliche Widmung: Der 19-jährige angehende Geschichtestudent Martin H. sitzt mit dem 75-jährigen Ingenieur und Auschwitz-Überlebenden Fritz Roubicek in Wien im Kaffeehaus – und sagt „als wohlerzogener junger Mann“ zu seinem Gegenüber „Grüß Gott!“. Worauf dieser schelmisch erwidert: „Ich werd’s ihm ausrichten.“ In der an (den längst verstorbenen) Roubicek gerichteten Widmung schreibt Haidinger nun als Postscriptum: „Ich hoffe, du hast IHM meinen Gruß ausgerichtet …“
Eine berührendere Klammer ist kaum denkbar.
Source:: Kurier.at – Kultur



