
„Geil. Schwarzfahren zahlt sich wieder aus“, schreibt ein Leser unter einem Social-Media-Post. Ein anderer ergänzt: „Da ist Schwarzfahren ja billiger.“ Zahlreiche Kommentare wie diese finden sich derzeit unter Meldungen über die nächste Erhöhung der Öffi-Ticketpreise – meistens wohl nicht ganz ernst gemeint.
Aber: Wird alles teurer, rechnet man eben neu und zieht vielleicht auch fragwürdigere Handlungen eher in Betracht. So wird angesichts steigender Abopreise diverser Streaminganbieter wieder mit Online-Piraterie und illegalen Streams geliebäugelt – auch hier natürlich mit Augenzwinkern.
Trotzdem: Was machen die schwierige Wirtschaftslage und steigende Fixkosten mit den Menschen? Wie wird reagiert? Neigt man wirklich zu riskanteren Handlungen?
Finanzieller Druck
Eine Erhebung von Integral im Auftrag der Immobilienrendite AG zeigt eine interessante Entwicklung in finanziellen Angelegenheiten. Auf die Frage nach ihren Spar- und Anlageformen geben 14 Prozent der Befragten an, Lottospielen als Form der Zukunftsvorsorge zu nutzen. „Finanzielle Not kann Menschen besonders vorsichtig machen – sie kann aber auch das Gegenteil bewirken“, meint Jennifer Holawatsch, Leiterin der Finanzbildung beim Fonds Soziales Wien (FSW).
Wenn das vorhandene Geld ohnehin nicht auszureichen scheint, könne die Hoffnung auf einen schnellen Gewinn attraktiver werden. Sie nennt ein Beispiel: „Ich habe nur noch zehn Euro und weiß jetzt schon, dass ich damit nicht bis zum Monatsende komme. Warum also nicht einen Lottoschein kaufen? Vielleicht habe ich Glück und mache mehr daraus.“ Wirtschaftlich sei es vielleicht keine sinnvolle Lösung, psychologisch zeige es aber, wie sich die Risikowahrnehmung unter finanziellem Druck verändern kann.
Finanzpsychologin Monika Müller spricht hier von einer gewissen Komfortzone, in der man sich normalerweise befindet. Wirtschaftskrisen würden aus dieser Zone hinausdrängen und Unsicherheit schaffen – nicht nur finanziell, sondern eben auch psychisch. „Darauf reagieren viele entsprechend ängstlich oder auch gereizt. Man fürchtet, die Kontrolle zu verlieren“, so die Expertin. Es sei eine klassische Stressreaktion auf: „Da nimmt mir jemand etwas weg.“
Dass Geldnot aus risikoscheuen Menschen plötzlich risikofreudige macht, bezweifelt Müller. Das sei eine Frage der Persönlichkeit – und die „ist auch in Krisen relativ stabil.“
Moralische Rechtfertigung
Es hänge immer von der Ausgangssituation ab. Wenn der Handlungsspielraum kleiner wird, gehe man auch eher finanzielle Risiken ein, erklärt Monika Müller. „Wenn es die Situation nicht anders erlaubt, könnte man zu kurzfristigen Lösungen greifen, die langfristig Schulden bringen. Etwa Geld zu leihen, um sich ein Auto zu leisten, wenn es essenziell für den Job ist.“
Wer jedoch risikoaffin ist, würde ohnehin zu gewagten Investments und Entscheidungen neigen. Wird es finanziell knapp, stellt sich für diese Menschen somit eher die Frage: Wie weit gehe ich?
Jennifer Holawatsch vom FSW beobachtet in Gesprächen mit jungen Menschen oft eine erhöhte Risikobereitschaft und den Wunsch, möglichst schnell und einfach zu Geld zu kommen. Etwa mit Sportwetten, Kryptowährungen oder spekulativen Investments wie Polymarket. „Dazu kommt eine digitale Welt voller finanzieller Versuchungen.“ Mit wenigen Klicks könne man rund um die Uhr Geld ausgeben, Zahlungen auf später verschieben, auf vermeintliche Gewinne setzen – oder sich über fragwürdige finanzielle Abkürzungen austauschen. Wie eingangs erwähnt, wird online etwa darüber diskutiert, auf Streaming-Abos zu verzichten und stattdessen Inhalte illegal zu streamen.
Laut Monika Müller entstehe bei solchen Themen ein Spannungsfeld. Wenn man sich als Kunde …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



