Wie ein Kunsthändler seinen Vater unter einer Decke des Schweigens fand

Kultur

„Ich war vier, als er gestorben ist.“ Konrad Bernheimer lernte seinen Vater Kurt nie wirklich kennen, und auch die Umstände seines Todes blieben ihm lange verborgen. Denn von Venezuela, wo der heute 76-Jährige 1950 zur Welt gekommen war, ging es wenige Wochen nach dem Ableben des Vaters am 24. Juli 1954 nach München und in eine gänzlich andere Welt: Zu „Papa Otto“, dem Großvater Otto Bernheimer, einem der renommiertesten Kunsthändler seiner Zeit. Er sollte den Enkel ab dem sechsten Lebensjahr zum Nachfolger aufbauen.

Als Chef eines großen Kunsthandelshauses mit Standorten in München und London, als Experte für Alte Meister und als Eigentümer der britischen Traditionsgalerie Colnaghi hat Konrad Bernheimer selbst eine beachtliche Karriere gemacht. „Doch jetzt fühle ich mich erstmals als Sohn des Vaters und nicht als Enkel des Großvaters“, sagt er beim KURIER-Gespräch in einem Münchner Café. „Dazu hat es dieses Buch gebraucht.“

Spurensuche

„Briefe an meinen Vater“ ist nicht nur Bernheimers Versuch, seinem Vater (1911–1954) näher zu kommen: Die in Form eines einseitigen Briefverkehrs abgefasste Erzählung führt auch in die bemerkenswerte Geschichte einer privilegierten, aber durch den NS-Terror zersprengten Familie, deren Patriarch nach dem Krieg die entstandenen Wunden zu kitten suchte – und dadurch nur noch tiefere Wunden riss.

Otto Bernheimer (1877–1960), oft nur „Konsul“ genannt, hatte nie wirklich geglaubt, dass ihm die Machtübernahme der Nazis 1933 etwas anhaben konnte. Er residierte in einem prachtvollen Gebäude am Münchner Lenbachplatz, erbaut von seinem Vater Lehmann Bernheimer, der es im 19. Jahrhundert zum Hoflieferanten gebracht hatte. 

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Die Bernheimers waren assimilierte Juden und sahen sich stets als Münchner: „Erst Hitler hat uns zu Juden gemacht“, sollte Otto Bernheimer später sagen. Auch Nazi-Bonzen, darunter Hermann Göring, kauften bei ihnen edle Stoffe, antike Teppiche und Möbel. „Die Familie hat geglaubt, dass sie eine Art Protektion hatte“, sagt Konrad Bernheimer.

Geplündert

In der Pogromnacht 1938 änderte sich das. Die Gestapo drang in das Haus ein und räumte gezielt die Bestände aus. Konrad Bernheimers Vater Kurt kam zuerst ins KZ Dachau, Großvater Otto – der in falscher Sicherheit noch auf Kur gefahren war – folgte wenige Tage später.

Der Umstand, dass Otto Bernheimer den Titel eines Honorarkonsuls von Mexiko innehatte, ließ den dortigen Präsidenten intervenieren. Und Hermann Göring sah die Chance, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: „Eine Cousine von ihm besaß eine Hacienda in Venezuela und wollte zurück nach Deutschland, weil Göring dort eben der große Zampano geworden war“, erzählt Bernheimer. „Das Anwesen war aber heruntergekommen und fand keinen Käufer. Und dann kam der Deal mit dem Großvater: Kaufe die Hacienda und überschreibe deinen Besitz an einen Verein, der der Partei gehört. Er hat sich zuerst geweigert, dann aber unterschrieben, weil man sagte: Sonst kommt keiner lebend raus. So kam die Familie nach Venezuela.“

Dass Otto Bernheimer 1945 sofort wieder nach München zurückkehrte und nach der Restitution des Bernheimer-Hauses Geschäfte und Freundschaften mit Ex-Nazis und Profiteuren wieder aufnahm, lässt den Enkel heute den Kopf schütteln: „Er muss Weltmeister im Verdrängen gewesen sein.“

Kurt Bernheimer hingegen, der in Venezuela eine Tochter aus der Nachbarsfamilie geheiratet und sich katholisch taufen hatte lassen, konnte dem Drängen …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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