
„Ein besonderer“, sagt Sänger Henning May, sei dieser Samstagabend in der Stadthalle. Denn es ist das 13. Wien-Konzert von AnnenMayKantereit. Und weil die Wiener immer ein super Publikum sind, hat er sich dafür seine Lieblingshose und sein Lieblings-T-Shirt angezogen. Beide sind schlicht, schwarz und unspektakulär.
Also genau passend für May, Drummer Severin Kantereit und Gitarrist Christopher Annen. Denn spektakulär an dem Trio ist vor allem der Erfolg. Der Sound der Schulfreunde, die als Straßenmusiker begannen, bedient sich nach wie vor der Mittel von damals: Gitarre, Drums, Bass, hin und wieder Klavier. Nichts daran ist innovativ oder auffällig anders, als viele seit vielen Jahren Pop- und Rockmusik machen – mit der Ausnahme von Mays dunkler, rauer Stimme. Sie verleiht dem Sound der Band den einzigartigen Charakter, der sie zu einer der erfolgreichsten Formationen Deutschlands und ihre Fans so bedingungslos hingebungsvoll gemacht hat.
Klar, da sind mit Songs wie „Marie“, „Pocahontas“ oder „Oft gefragt“ auch viele einprägsame Melodien dabei. May singt prosaisch und – ja – unspektakulär von der Liebe und dem Leben, gibt dieser Schnörkellosigkeit aber immer auch etwas Pointiertes.
Club-Atmosphäre
Unspektakulär ist auch die Bühne. Mit einem in geometrisch geordneten Falten hängenden Vorhang hinter drei runden Sektionen sieht sie aus wie ein TV-Studio in den 60er-Jahren. Auch das passt gut zu AnnenMayKantereit. So stehen die drei so eng zusammen, wie einst in der Fußgängerzone von Köln, bringen ihre Essenz und Club-Atmosphäre auf Riesenbühnen, ohne sich mit überbordenden Showeffekten an gängige Standards anbiedern zu müssen.
AnnenMayKantereit lassen über mehr als eineinhalb Stunden nur die Musik wirken, können das auch mühelos tun. Denn innerhalb der konventionellen, braven Grundstruktur ihrer Songs bieten sie genug Varianten. Da ist der mitreißende, vom Bass getragene Tanzbeat von „Lass es kreisen“, da sind die Momente, in denen May nach hinten geht und Songs alleine am Klavier beginnt, da klingt ein Lied wie ein Sirtaki und das nächste wie aus Lateinamerika importiert.
Zwei Mal gehen die drei von der mittleren Bühnen-Sektion auf die linke, die mit Lehnsessel wie ihr Probenstudio hergerichtet ist, spielen dort die unveröffentlichten Songs „Kleine Wolken“ und „Komm zu mir“, an denen sie gerade arbeiten. Bei „Ozean“ spielen alle drei Musiker akustische Gitarren, holen aber bei dem nachdenklichen „Du bist anders“ vier Bläserinnen und Bläser dazu. Die bleiben bis zum Ende und machen „3 Tage am Meer“ und „Ich geh heut nicht mehr tanzen“ zu bewegten Höhepunkten. Natürlich kommt dann in der Zugabe noch der größte Hit „Barfuß am Klavier“.
AnnenMayKantereit sind nicht die kreativsten Musiker der Szene. Aber sie holen live das Maximum aus ihrem Repertoire und können damit 13.500 Leute einen Abend lang prächtig unterhalten.
Source:: Kurier.at – Kultur



