Johanna Wokalek in „Liebhaberinnen“: Ein böser Witz, der Auflachen erstickt

Kultur

Ihr Verkaufslächeln ist einfach umwerfend. Wenn sie ihre Kunden anstrahlt, ahnt keiner, dass sie praktisch obdachlos ist. Dass sie auf einer Matte im Fitness-Center übernachtet, weil sie ihre Wohnung auf AirBnB vermietet hat. Dass sie diesen Job dringend braucht.

Brigitte ist Hostess auf einer Messe für Endzeitbunker. Im Minirock und auf Stöckelschuhen grinst sie den potenziellen Käufern angestrengt entgegen. Als ein reiches Muttersöhnchen namens Heinz beginnt, ihr Avancen zu machen, sieht sie ihre Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg gekommen.

„Liebhaberinnen“ nennt die luxemburgische Regisseurin Caroline Kox, genannt Koxi, ihr groteskes, tragisch-komisches Spielfilmdebüt (derzeit im Kino). Es basiert auf dem Frühwerk „Die Liebhaberinnen“ (1975) der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die kürzlich ihren 80. Geburtstag feierte, und wurde in unsere Gegenwart der sozialen Medien transponiert. Die deutsche Schauspielerin Johanna Wokalek bringt die Hostess Brigitte virtuos in Stellung.

KURIER: Frau Wokalek, haben Sie kurz gezögert, in einem Debütfilm eine doch recht radikale Rolle zu übernehmen?

Johanna Wokalek: Das Drehbuch hat mich überrascht, weil es so ungewohnt war und nicht den üblichen dramaturgischen Verlauf nahm, den man sonst kennt. Es hatte eine ganz andere Fantasie als die anderen Bücher, die ich sonst zu lesen kriege. Dann habe ich Koxi getroffen und es war für mich sofort klar, dass ich mit ihr arbeiten möchte, weil ich irgendwie gespürt habe, dass sie etwas von Elfriede Jelinek verstanden hat.

Was hat sie verstanden?

In Jelineks Texten ist sehr viel Doppelbödiges drin: Ernst, aber auch böser Witz, der ein Auflachen hervorruft, das aber auch gleich wieder erstickt. Es ist diese Unerbittlichkeit und dieses Nicht-gefallen-wollen. Das finde ich interessant. Koxi hält Komplexität aus und mutet sie auch dem Publikum bewusst zu. Und natürlich ist der Film eine Herausforderung. Wenn man die Texte von Jelinek gar nicht kennt, muss man schon Schritte tun, weil man einer ungewohnten Welt begegnet. Man muss sich darauf einlassen.

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Was sind Ihre Erfahrungen mit Jelinek und ihren Texten?

Ich habe die Uraufführung von Jelineks „Schatten (Eurydike sagt)“ gemacht und musste dafür ihren Text auf 50 Minuten kürzen. Ich habe ihr geschrieben und sie hat mir sogar geantwortet und war mit der Fassung sehr zufrieden. Mehr Kontakt hatte ich mit ihr leider nie. Aber weil es so eine mühevolle Arbeit war, eine große Textfläche zu kürzen, war es eine starke Begegnung mit der Autorin, weil ich mich wirklich mit ihr auseinandersetzen musste.

Die Figur der Brigitte ist mehr Oberfläche als „klassischer“ Charakter. Wie haben Sie sich ihr angenähert?

Das war das Abenteuer dieses Drehs, dass es für die Rolle der Brigitte keinen psychologischen Verlauf gibt. Es sind Bruchstücke und Mosaike, in denen man sie erfährt, auch im Gegenüber mit den anderen. Ich musste sie immer wieder loslassen, um dann neu auf sie zugreifen zu können. Das geschah im Austausch mit Koxi, die sehr unerschrocken ist und sich Dinge wünschte, wo ich mir erst dachte: „Naja, aber wir machen ja immer noch Film.“ Gegen Ende hin wird es ja immer künstlicher, was natürlich auch Spaß macht. Brigitte in ihrem Kampf ums Überleben und in ihrem Willen, weiterzukommen, ist in ihren Mitteln skrupellos. Sie verkörpert mehr und mehr Elfriede …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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