
Atemlos läuft sie durch den Wald, stolpert über eine Baumwurzel und verletzt sich das Bein. Doch sie schafft es in letzter Sekunde, ihrem Verfolger mit seinem Hund zu entkommen. Die Ärztin Hanna lebt alleine in der Wildnis – infiziert mit einer tödlichen Krankheit, die sie, ginge es nach den Behörden, in einem Lager erdulden müsste. Sie zieht es vor, frei zu sein. Die Zeit, die ihr noch bleibt, draußen zu verbringen.
„Die andere Seite“, auf die die deutsche Regisseurin Mariko Minuguchi hier führt, ist ein Film von existenzieller Wucht. Ein Film über Ausgrenzung und Gewalt gegenüber Kranken, aber auch ein Film über Empathie und Menschlichkeit. Getragen wird er souverän von Nina Hoss, der langjährigen Partnerin in Crime von Starregisseur und Viennale-Präsident Christian Petzold und zugleich Star in internationalen Produktionen wie „Tár“ mit Cate Blanchett.
Strapazen
Hoss ist neugierig und offen für Neues, sie ist mutig und zäh, sie scheut keine Strapaze. „Der Dreh von ,Die andere Seite’ war schon anstrengend, aber ich mag dieses Mich-Aussetzen, dieses An-die-Grenzen-Gehen. Besonders, wenn es die Geschichte erfordert. Hanna in ihrer Einsamkeit gegenüber der Mächtigkeit dieser Berge, das hat etwas Elementares. Es kann einerseits wunderschön und befreiend sein und im nächsten Moment hochgefährlich und lebensbedrohlich. Ich fand es toll, diese Extreme selber empfinden zu können.“ Gedreht wurde in den Bergen Süd- und Osttirols sowie in Bayern. „Das ist schon ein Geschenk meines Schauspielberufs, dass ich da manchmal sitze und mir denke, wie bin ich denn hierhin gekommen. Was für ein Geschenk, dass ich da oben bin und auf den Großglockner schauen kann und kein Mensch rund um mich ist. Da kann man die große Freiheit der Berge erspüren.“
Menschlichkeit
Hannas Lage spitzt sich zu, als ein Schleuser, der sie und die schwangere Lila über die Grenze in Sicherheit bringen sollte, sie einfach in den Bergen aussetzt. Die beiden Frauen geben einander Halt, stützen sich. „Trotz aller negativen und schrecklichen Dinge, die einem zustoßen, kann man sich die Menschlichkeit bewahren. Wir können uns jederzeit – egal, unter welchem System wir leben – entscheiden, wie wir uns verhalten. Hanna hat eine große Empathiefähigkeit und will diese auch nicht aufgeben. Sie ist entsetzt, dass andere Menschen diese nicht aufbringen wollen. Letztendlich ist dieser Film ein Film über Menschlichkeit.“
Nina Hoss ist nicht nur im Film, sondern auch auf der Bühne ein Star. Die 51-Jährige liebt es, zwischen Engagements beim Film und am Theater zu wechseln. Erst vor Kurzem ist sie aus London zurückgekehrt, wo sie die letzten Monate mit Cate Blanchett im Stück „Electra/Persona“ am Royal National Theatre auf der Bühne stand. „Cate und ich haben uns bei ,Tár’ gut verstanden und wollten unbedingt wieder zusammenarbeiten. Diese Arbeit war ein Experiment. Für mich war es eine zusätzliche Herausforderung, dass alles auf englisch war. Ja, ich bin mit einem Briten verheiratet (mit dem Musikproduzenten Alex Silva, Anm.), aber diese klassischen Texte und Monologe vor britischem Publikum waren nochmal was anderes.“ Alle Vorstellungen waren ausverkauft, ein Riesenerfolg.
Blickt Nina Hoss angesichts unserer krisenhaften Zeit pessimistisch in die Zukunft? „Ich bin schon erschreckt über das, was uns umgibt. …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



