
Die Empörung vorab war enorm: Ehe Anfang September das Kopftuchverbot in Österreichs Schulen in Kraft trat, gab es allerhand Proteste, Kleinstparteien, Elternvereine und selbst Vertreter der muslimischen Glaubensgemeinschaft erklärten mehr oder weniger offensiv, man werde das Verbot boykottieren. Manche bezeichneten das Gesetz als „rassistisch“, die Gewerkschaft rechnete fix mit Konflikten.
In Österreich lebt eine Dreiviertelmillion Muslime. Allein deshalb konnte man annehmen, dass die Empörung um sich greift und zunimmt.
Drei Wochen nach Schulbeginn ist das Gegenteil der Fall. Im Ballungsgebiet Wien wurden nur 81 Familien wegen eines Verstoßes vorgeladen. 81 Fälle in einer Stadt mit mehr als 700 Schulen? Auch aus den Bundesländern haben das Bildungsministerium nur wenige Problemfälle erreicht. Wie ist all das zu erklären?
Der KURIER hat Gespräche im Ministerium, mit Direktoren, Lehrern und Integrationsexperten wie dem Soziologen Kenan Güngör geführt. Auf Basis dieser Recherche lassen sich folgende Gründe nennen, warum das Kopftuchverbot für deutlich weniger Konflikte sorgt als erwartet:
Die Zahl der Betroffenen wurde überschätzt
Die Zahl derer, die real vom Kopftuchverbot betroffen sind, wird offensichtlich überschätzt. Ein Beispiel ist Wien: Von 265.000 Kindern, die in der Bundeshauptstadt leben und jünger als 14 Jahre alt sind, sind 34.500 muslimischen Glaubens und Mädchen. Integrationsexperten gehen davon aus, dass etwa jedes zehnte muslimische Mädchen ein Kopftuch trägt. Demnach betraf das Verbot potenziell nur zwei- bis dreitausend Schülerinnen. Und von diesen Kopftuchträgerinnen gehört nur eine Minderheit Familien an, die unbedingt darauf beharren, unter 14 ein Kopftuch zu tragen – so kommt man auf die fast 100 Familien, die in Wien vorgeladen wurden.
Muslime halten sich genauso an Gesetze
„Bei vielen Migranten geht es in diesem wie in allen anderen Fällen einfach um das Einhalten von Regeln. Das darf man nicht außer Acht lassen“, sagt Integrationsexperte Kenan Güngör. Güngör spricht von der „normativen Kraft der Gesetze“: „Wenn der Staat etwas vorschreibt, sei es ein Rauchverbot oder die Gurtpflicht, dann hält sich die Mehrheit der Menschen daran. Das gilt in gleicher Form für Musliminnen und Muslime.“ Hinzu komme, dass ziviler Ungehorsam in vielen Kulturkreisen, aus denen Zuwanderer kommen, eher untypisch sei. „Vor allem, wenn es sich um sehr konservative Familien oder Herkunftsländer wie Syrien oder Afghanistan handelt. Viele Migranten sind konformistisch.“
Die Schulen waren gut vorbereitet
Gewerkschaft wie Lehrer erklären die geringe Anzahl der gemeldeten Problemfälle auch mit der guten Vorbereitung des Bildungsapparats. Bereits im auslaufenden Schuljahr seien Eltern, Lehrer und Schüler mit Informationsabenden und -veranstaltungen über das kommende Verbot und das damit verbundene Meldeverfahren bei Verstößen informiert worden. Dabei hätten betroffene Eltern vor Augen geführt bekommen, wie die einzelnen Eskalationsstufen aussehen: Wenn eine Schülerin gegen das Gesetz verstößt, weisen Lehrer auf das Gesetz hin. Bleibt die Situation unverändert, gibt es ein klärendes Gespräch der Eltern mit der Direktion – und schließlich, als nächste Eskalationsstufe, gibt es ein Gespräch mit der Behörde, sprich: mit Bildungsdirektion und Jugendamt. Am Ende bleibt die Möglichkeit einer Verwaltungsstrafe. „Der Umstand, dass die Schulen das Thema einvernehmlich mit den Eltern lösen wollen und dass die Eltern bei einem Verstoß gegen das Verbot relativ rasch in die Schule gerufen werden, trägt zweifelsohne zum Funktionieren der Regelung bei“, …read more
Source:: Kurier.at – Politik



