Kurz vor der russischen Duma-Wahl rechnet der Russland-Experte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), Vasily Astrov, mit einer anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation in Russland. Wie der Ökonom erklärte, dürfte Russlands Wirtschaftsleistung heuer nur um 0,6 Prozent wachsen. Hauptursache der Abkühlung sei die Zinspolitik der Zentralbank. Dennoch sei die Kriegsfinanzierung dank geringer Staatsverschuldung gesichert.
Das wiiw hält vorerst an seiner Sommerprognose für das Gesamtjahr 2026 von 0,6 Prozent fest, wobei die nächste offizielle Prognoserunde am 21. Oktober ansteht. „Momentan glaube ich, dass die Stagnation noch anhalten wird“, sagte Astrov.
Auf die Frage, wie es einem typischen russischen Haushalt derzeit wirtschaftlich gehe, differenzierte der Ökonom: Verglichen mit der Situation vor zwei Jahren gehe es den Haushalten schlechter, verglichen mit der Zeit vor dem Ukraine-Krieg jedoch besser. Grund dafür seien die Boomjahre 2023, 2024 und Anfang 2025 mit BIP-Wachstumsraten von 4 bis 5 Prozent pro Jahr, die durch hohe Kriegsausgaben getrieben wurden und im Ausmaß an die Phase vor der Weltwirtschaftskrise 2008 (über 5 Prozent) anknüpften,
Besonders untere Einkommensschichten haben finanziell stark vom Krieg profitiert: Vertragssoldaten erhalten ein Gehalt von 2.000 Euro pro Monat, Einmalzahlungen von durchschnittlich 10.000 bis 20.000 Euro bei Vertragsabschluss sowie im Falle von Tod oder schwerer Verwundung Entschädigungen von bis zu 150.000 Euro.
Hohe Zinsen bremsen Konjunktur
Für die aktuelle Abkühlung der Konjunktur macht Astrov vor allem die hohen Zinsen verantwortlich. „Das sind nicht die Sanktionen, das ist nicht der Krieg, das ist die sehr restriktive Geldpolitik der Russische Zentralbank.“ Der Leitzinssatz liege derzeit bei 14 Prozent, während die Inflation bei 6 Prozent verharre. Bei einer Teuerung von 6 Prozent bedeute ein Leitzins von 14 Prozent einen realen Zins von 8 Prozent. Das offizielle Inflationsziel der Zentralbank liegt bei 4 Prozent (gegenüber 2 Prozent im Euroraum). Präsident Wladimir Putin unterstütze Zentralbankchefin Elwira Nabiullina bei der Inflationsbekämpfung implizit. Der Grund dafür sei auch psychologischer Natur, da in der Führung traumatische Erfahrungen aus der Hyperinflation der 1990er-Jahre nachwirken würden.
Gleichzeitig sei die staatliche Kriegsfinanzierung trotz steigender Defizite nicht gefährdet. Die russische Staatsverschuldung liege bei sehr niedrigen 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). „Russland hat schon Budgetdefizite, aber diese Budgetdefizite kann Russland finanzieren“, betonte der wiiw-Ökonom. Der Staat leihe sich das Geld vor allem bei einheimischen Banken. Die gesamten Verteidigungsausgaben belaufen sich laut wiiw-Schätzungen auf 7 bis 8 Prozent des BIP. Davon entfallen 2 Prozentpunkte auf die Bezahlung der Soldaten. Der direkte Anteil der Rüstungs- und Waffenproduktion an der gesamten Wirtschaftsleistung werde manchmal überschätzt – er mache nur etwa 2 Prozent des BIP aus.
Starke Digitalisierung, aber Benzin-Engpässe
Dass Russland die westlichen Wirtschaftssanktionen vergleichsweise leicht wegstecken kann, liegt laut Astrov daran, dass die russische Wirtschaft extrem anpassungsfähig und marktwirtschaftlich organisiert sei. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) würden eine zentrale Rolle bei der Umgehung westlicher Sanktionen über Drittländer wie China, die Türkei, Kasachstan oder die Vereinigten Arabischen Emirate spielen. Zudem sei der Digitalisierungsgrad des Landes sehr hoch: Der Bargeldanteil an der Geldmenge liege in Russland beispielsweise bei nur 15 Prozent, während er in Deutschland oder Polen bei über 40 Prozent liege. Auch Firmengründungen liefen weitgehend unbürokratisch online ab.
Andererseits treffe der Krieg …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



