Siedlergewalt: Erst kommen die Schafe, dann wird vertrieben

Politik

Abu Jihad scrollt durch Dutzende Fotos und Videos auf seinem Telefon: Sie zeigen junge Männer, wie sie durch das Dorf seiner Familie streifen. Auf den ersten Blick wirken sie wie harmlose Schafhirten. Doch auf dem Rücken baumelt ein Maschinengewehr. Dass sie sich zu den nationalreligiösen Siedlern zählen, zeigt die gehäkelte Kippa auf dem Kopf und die Schläfenlocken. Ihr Vieh treiben sie provokativ langsam und nah vorbei an den Hütten der Beduinen. Ein Teil der Herde gehöre ihm sogar, sagt der Beduine. Man habe ihm die Schafe kürzlich gestohlen. Drohgebärden, Provokationen, nächtliche Besuche – es gehe darum, Angst zu verbreiten.

Dass das funktioniert, haben radikale jüdische Siedler in den vergangenen Monaten mehrfach bewiesen: Die Beduinen-Gemeinschaft von Ras ‘Ein al ‘Auja im nahen Jordantal wurde bereits im Jänner aus ihrem Dorf vertrieben. Die Siedler leerten nachts Wassertanks, beschädigten Stromleitungen, drangen in Behausungen ein.

„Das Krokodil“

Die Hütten von Khan al-Akhmar, der palästinensischen Gemeinschaft, zu der Abu Jihad gehört, verteilen sich in einer Senke neben der Schnellstraße Nr. 1. Diese Autobahn führt von Tel Aviv nach Jerusalem bis tief ins Westjordanland hinein. Den letzten Abschnitt kennen jüdische Israelis von der Fahrt zum Toten Meer – oder weil sie in einer der Siedlungen vor Jerusalem leben. Viele davon sind zu richtigen Städten herangewachsen: Die nahegelegene Siedlung Ma’ale Adumim hat heute etwa 40.000 Einwohner. Die Palästinenser nennen  es „das Krokodil“. Weil es sich so gierig über die Hügel frisst.

Seit Amtseinführung der aktuellen israelischen Regierung ist nicht nur die Siedlergewalt deutlich angestiegen, es wurden Hunderte neuer „Außenposten“ gegründet. Das sind, selbst nach israelischem Recht, illegale Bauten – oft nur ein Container, hingestellt über Nacht.

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Im Schatten des Gazakrieges verlegten sich extremistische Siedler auf eine neue Strategie: Sie gründen kleine Schaffarmen. Das Land dazu wird vom Staat als Weideland deklariert. Auch auf dem Nachbarhügel von Abu Jihads Familie wurde vor einigen Monaten eine solche Farm gegründet: Auf der Hügelflanke prangt ein riesiger Davidstern aus Steinen.

Bauprojekt E1

Noch hält Abu Jihads Klan den Übergriffen durch die Siedler stand, aber seit einem Jahr hat die Sorge der Beduinen einen konkreten Namen: „E1“. Das Bauprojekt soll die Siedlungen von Ma’ale Adumim mit Jerusalem verbinden. Im August 2025 verkündete Israels Finanzminister Bezalel Smotrich den Bau von 3.400 Wohneinheiten in E1. Das Projekt bedroht nicht nur die Existenz von 18 ansässigen Beduinengemeinschaften. Es isoliert auch Ost-Jerusalem vom Westjordanland – und teilt dieses in zwei Hälften.

Ein eigener Staat wäre dann höchstens eine symbolische Angelegenheit. In der internationalen Gemeinschaft galt das Projekt deshalb jahrzehntelang als rote Linie. Smotrich verkündete seinen Plan von „Großisrael“ schon zum Amtsantritt vor vier Jahren.

Sowohl Smotrich als auch Israelis Polizeiminister Itamar Ben-Gvir leben selbst in Siedlungen. Im Schatten des Gazakrieges trieben sie nicht nur den Siedlungsbau voran, änderten Gesetze zugunsten gewalttätiger Siedler, Smotrich versprach die Palästinensische Autonomiebehörde wirtschaftlich zu erdrosseln, Ben-Gvir verteilte außerdem großzügig Waffen zum „Selbstschutz“.

Die Grenzen zwischen jüdischen Siedlern und israelischer Armee verschwimmen stetig. Zumal die Armee als Besatzungsmacht eigentlich für Recht und Ordnung zuständig ist, sich in der Regel aber hinter die israelischen Staatsbürger stellt. Beschwerden bei der israelischen Polizei werden in …read more

Source:: Kurier.at – Politik

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