
„Sie rühren in Ihrem Latte macchiato. Wenn die Milchbauern das umsetzen müssten, was Sie vorschlagen, dann hätten Sie keine Latte mehr in ihrem macchiato.“ Für solche Sätze, in tiefstem niederbayerischem Dialekt, stand Hubert Aiwanger. Diesen richtete er einst an die Fraktion der Grünen im Bayerischen Landtag.
Selten war der Vorsitzende einer Kleinpartei, die mit kurzer Ausnahme nur in einem deutschen Bundesland erfolgreich war, so bekannt und umstritten wie er: Aiwanger, seit acht Jahren stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister von Bayern, wurde am Mittwochabend im Alter von 55 Jahren tot in einem Hotel in Berlin-Mitte gefunden. Die Umstände werden noch ermittelt, eine Obduktion wurde angeordnet. Auch eine Mordkommission ist im Einsatz.
Die Ungewissheit nährt Spekulationen, ausgeschlossen werde laut Polizei nichts. Aus österreichischer Sicht hat Aiwanger das Potenzial, einen „Legendenstatus“ wie Ex-FPÖ-Chef Jörg Haider zu erhalten: Die Wellen, die sein Tod schlagen könnte, dürften zumindest die bayerische Politik erschüttern und den Machterhalt der CSU infrage stellen.
Volksheld und belächelt
Unverwechselbare Figuren gab es in der bayerischen Politik schon einige, Aiwanger gehörte dazu. Streitlustig, streitbar, populistisch: In seiner Heimat von einigen als Volksheld verehrt, in München und außerhalb Bayerns mitunter als Polit-Karikatur verspottet. Bekanntheit über den Freistaat hinaus erlangte er, als er sich während der Corona-Pandemie öffentlich weigerte, sich impfen zu lassen. Und erst einknickte, als der CDU-Landesvater Markus Söder ihn dazu „verpflichtete“. Für Negativschlagzeilen sorgte auch die Flugblatt-Affäre: In seiner Schulzeit soll Aiwanger für ein rechtsextremes, antisemitisches Schreiben bestraft worden sein, zu dem sich später dessen Bruder als Verfasser outete. „Jawohl, auch ich habe in meiner Jugend Scheiß‘ gemacht“, erklärte Aiwanger damals.
Aiwanger war der typische bayerische Landwirt, stets im Trachtenjanker unterwegs, in der Freizeit als Jäger. Der Agraringenieur lebte auf dem elterlichen Bauernhof in Niederbayern, züchtete Schweine. Die Rolle des ländlich verwurzelten Konservativen, der für die „kleinen Leute“ gegen „die da oben“, die elitären, akademischen Städter stänkerte und polterte, musste er nie spielen. Als ein Bauer einmal Strafe wegen eines Kuhfladens auf der Straße zahlen musste, kam Aiwanger medienwirksam persönlich vorbei und zahlte das Bußgeld aus eigener Tasche. Ein Blatt vor dem Mund nahm sich Aiwanger nie, schon gar nicht im Bierzelt: „Ihr hobt’s wohl den Oarsch offen“, ließ er der Ampel-Regierung in Berlin einst ausrichten.
Aiwanger gehörte seit 2001 den Freien Wählern an, einer aus dem Dunstkreis der CSU entstandenen Sammelbewegung von Kleinparteien, die sich ideologisch nie auf links oder rechts festlegen wollte. Einmal setzte man sich für den Ausbau kostenloser Kinderbetreuung ein, dann gegen die dritte Piste am Münchener Flughafen, immer aber für föderale Strukturen und mehr Macht für die Kommunen. Als Aiwanger ab 2006 den Parteivorsitz übernahm, gab er der Partei ein Gesicht, machte sie etwas konservativer und rechter. Wiederholt wurde ihm in der Partei Egoismus und strenge Führung vorgeworfen. Gegenkandidaten gab es bei den Wahlen zum Parteichef nie.
Querulant in der eigenen Regierung
Seit ihrem Abrutschen unter die 40-Prozent-Hürde 2018 ist die CSU auf die Freien Wähler angewiesen. Aiwanger positionierte sich regelmäßig als Opposition in der Koalition, als Störfaktor der bröckelnden Übermacht der CSU und Kritiker des „Größenwahns“ der CSU: Die Frage, wer bayerischer sei, ist der unausgesprochene Zankapfel …read more
Source:: Kurier.at – Politik



