
Dass KI Einsteigern in den Anwaltsberuf das Wasser abgräbt, weil die Technologie viele Tätigkeiten übernimmt, die üblicherweise Anwaltsanwärtern zufällt, ist häufig zu hören. In den USA, wo es detaillierte Erhebungen dazu gibt, ist die Zahl der Berufseinsteiger bei Großkanzleien im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren zurückgegangen. Die Zahl der Neueinstellungen von Absolventen sank um 7,5 Prozent.
Hierzulande ist zwar die Arbeitslosigkeit bei jungen Akademikern, wie auch in vielen anderen demografischen Gruppen, gestiegen. Belastbare Zahlen, dass die Technologie Einsteigern in den Anwaltsberuf die Jobs wegnimmt, gibt es aber nicht.
Wer jetzt wegen KI weniger Leute einstelle, den werde es bitter treffen, sagt Leonhard Wassiq, der bei der europaweit tätigen Wiener Rechtsanwaltskanzlei Wolf Theiss für die digitale Transformation zuständig ist. Die Technologie solle nicht Anwälte ersetzen, sondern sie dabei unterstützen, besser zu werden.
Erfahrung bleibt wichtig
Die Ausbildung der Junganwälte in den Kanzleien sei gerade heute wichtig. Dazu zählt auch der Erwerb von digitalen Kompetenzen. Wichtig sei es aber, die Ergebnisse der KI zu hinterfragen und dafür brauche es praktische Erfahrung. Es sei nicht die Technologie, die am Ende gewinne, sondern der Anwalt, der sie richtig einsetze, sagt Wassiq: „Es braucht das Verständnis der Technologie, aber es braucht nach wie vor die praktische Erfahrung.“
Generell sieht der Digitalisierungsexperte in der Branche die Tendenz, dass Unternehmen zwar ihre Technologie für KI vorbereiten, aber nicht ihre Arbeitsabläufe. KI sei aber keine reine Frage der Technologie, sondern eine Frage der Organisation und deshalb vor allem ein Managementthema. Im Zusammenhang mit KI entstehen in den Kanzleien auch neue Rollen und das habe auch Auswirkungen auf den Jobmarkt.
Rasante Entwicklung
Wie hat sich der Reifegrad der Technologie in den vergangenen Jahren entwickelt? „Exponentiell“, sagt Wassiq. Eine Fehlerquote sei dennoch gegeben. Deshalb sei es wichtig, den Fokus auf die Validierung der Ergebnisse zu setzen. Große internationale Anbieter von Rechts-KI wie Legora und Harvey werden mittlerweile mit zweistelligen Milliardenbeträgen bewertet. Die Frage sei aber weniger, wie viel Kanzleien dadurch einsparen können, sondern ob es ihnen gelinge Arbeitsweisen effizienter zu gestalten und sich etwa auch thematisch breiter aufzustellen.
Es sei auch unrealistisch zu sagen, man setze heute die Technologie ein und könne bereits morgen Einsparungen und Produktivitätssteigerungen verzeichnen, sagt Wassiq. Die Frage sei nicht so sehr, wie KI die Arbeitsweisen von heute, sondern wie sie zukünftige Arbeitsabläufe unterstütze.
Anwalt der Zukunft
Wie verändert die Technologie den Anwaltsberuf? Der Anwalt der Zukunft werde Technologieverständnis und Datenkompetenz haben, um sich schneller einen Überblick über Fälle verschaffen und schneller zu einem Ergebnis kommen, sagt Wassiq.
Die meisten Unternehmen würde sich bei der Einführung von KI auf die Technologie fokussieren, sagt Wassiq: „Es braucht aber Zeit, einen langen Atem, gezielte Maßnahmen und vor allem den kulturellen Rahmen.“
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



