Landestheater Niederösterreich: Faschismusrevue unter der Discokugel

Kultur

„Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“: Bert Brecht hat das Stück mit dem sperrigen Titel 1941 als Parabel auf den, der gerade die Macht in Deutschland und Österreich übernommen hatte, geschrieben. Die aus Potsdam stammende Theatermacherin Patricia Nickel-Dönicke hat sich entschieden, ihre Intendanz am Landestheater Niederösterreich mit „Arturo Ui“ zu beginnen. Schon das Bühnenbild macht klar: Sie will sich dabei nicht nur auf die politischen Verhältnisse in ihrer alten Heimat, im früheren Ostdeutschland, beziehen. Hier geht es auch um Österreich. Rot-weiße-rote Fahnen an den Wänden. Im Zentrum ein überdimensionaler Jesus am Kreuz. Moment, denkt man: Wenn sich diese Polit-Parabel an Nazideutschland orientiert – was haben dann die Österreichfahnen hier verloren? Bekanntlich gab es kein Österreich im „Deutschen Reich“ und besonders eng mit der katholischen Kirche war Hitler ja auch nicht.

Wird in dieser von gleich 11 „Regiepersonen“ (so steht’s im Programm) inszenierten Aufführung vielleicht einiges durcheinander gebracht? Nun, schon bei Brecht ist alles ein bisserl kompliziert. Deutschland hat er nach Chicago verlegt, von wo aus die seltsame Gestalt Arturo Ui ihre Macht auf die Nachbarstadt Cicero, die für Österreich steht, ausdehnen will. Der Weg führt über Karfiol: Brechts Groteske spielt innerhalb eines Konsortiums aus Gemüsehändlern, das nach Möglichkeiten sucht, Gewinne zu steigern. Arturo Ui, ursprünglich ein Kleinkrimineller, sieht Gelegenheit zum Aufstieg. Er lernt schnell. Populistisches Händeschütteln ebenso wie großspurige Rhetorik -unter anderem übt er die berühmte Leichenrede des Mark Anton aus Shakespeares „Julius Caesar“. Vor allem aber steigt er dank Mafiamethoden auf. Einschüchterung, Erpressung, Mord. 
Aufzuzeigen, wie erschreckend simpel diese Strategie ist, darin liegt die Stärke von Brechts Stück. Die Machtergreifung Hitlers und seiner Gefolgsleute wird oft mystifiziert und so als unvermeidlich dargestellt. Brecht zeigt jedoch die im Grunde simplen Methoden einer kriminellen Organisation auf, die sich Wirtschaftskrise und institutionelle Schwächen zunutze macht. 
Trotzdem, es ist kompliziert. Die elf Regie-Miniaturen machen die Sache nicht einfacher. Zumal Brechts Bezeichnung für sein Stück, „Farce“, hier oft als Klamauk verstanden wird. Brechts episches Theater wird stellenweise als übertriebenes, gestenreiches Deklamieren interpretiert.  An anderer Stelle haben die Schauspieler wiederum zu schweigen: Die Erzählung kommt vom Band. Aber immerhin wird einem nicht fad in dieser fast dreistündigen Faschismusrevue, die mit einem Bühnenbild (Wolfgang Menardi ) durchkommt:  Der Chicagoer Autofriedhof, umrahmt von Österreichfahnen und Jesus am Kreuz.

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Man bedient sich zusätzlich Videoclipästhetik, Film- und Serienmusik sowie, zu allen Schauspielern des Ensembles und des St. Pöltner Stadtensembles, einer Puppe: Der kleine Brecht ist gelungen. Zu Untermauerung des Mafia-Settings wird die Serienmusik der Sopranos und  in einer in einem Auto gefilmten Szene „Drive“ von den Cars gespielt – ein bisschen gar einfach gestrickt. Ob Konstantin Weckers „Willi“, vorgetragen von Michael Scherff als alternder Politiker Dogsborough, hier mit Bart und Perücke, ernst gemeint ist?
Es wird viel gesungen und getanzt und in Unterhose auf Autodächern liegend musiziert (Musik: Tobias Schwencke). Natürlich unter einer Discokugel, eine Anschaffung, auf die die Intendantin stolz ist, wie sie in ihrer Dankesrede im Anschluss an das Stück erklärt.
Stellenweise hat man das Gefühl, das zum Großteil neue Ensemble, das hier gesammelt vorstellig wird, will zum Einstand gleich eine Leitungsschau bieten. …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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