
Jacques Brel auf Deutsch. Das haben schon viele versucht. Manchen ist es gelungen, unter anderem Michael Heltau und Hildegard Knef. Das Risiko, dass das ein bisserl „to much“ wird, ist allerdings enorm. Keinesfalls sollte man versuchen, den expressiven Belgier Brel mit seinem ganzen Drama nachzuahmen, das könnte ins Karikaturhafte gehen. Dem jungen Schauspieler Benjamin Vanyek scheinen derartige Vorsichtsmaßnahmen egal. Er geht in seinem Brel-Abend aufs Ganze, setzt ebenso wie Brel auf große Gesten und Grimassen. Sein Auftritt ist schrill, schräg, berührend.
Mit den fantastischen Brel-Übersetzungen von Werner Schneyder schmeißt Vanyek sich draufgängerische vors Publikum, gibt mal rau, mal zart, Klassiker wie „Amsterdam“, „Les Bonbons“ („Die Bonbonniere“) oder „Le diable“ („Der Teufel“) zum Besten. Stimmlich reicht er nicht an Brel heran, aber er macht sein eigenes Ding. Erzählt zwischendurch Anekdoten zu seiner Herkunft, ist ganz Wiener, konkret aus Floridsdorf.
Der ehemalige Arbeiterbezirk ist eben immer ein verlässlicher Partner, wenn’s um Beziehungsarbeit zum Publikum geht. Apropos Arbeiter: Ein solcher ist Vanyek auch in seiner Zweitrolle an diesem Abend, dem Rockstar in exzentrischen Outfits (Alice Wochocz): Sonnenbrille, Lederkluft, weißer Zottelmantel, Ganzkörperspitze, schwarzes Fellkleid (in letzterem erinnert er ein wenig an den großen Berliner Chansonnier Tim Fischer, der einst ähnlich gewandet Ludwig Hirschs „Komm, großer schwarzer Vogel“ nachempfand.
Zungenakrobatik
Neben Floridsdorfer Brel und Ludwig Hirsch singendem Tim Fischer ist Vanyek vor allem Mick Jagger, dessen Zungenakrobatik er sehr schön beherrscht. Nach der Pause begibt er sich auch ganz offiziell in den Dienst der Rolling Stones, wenn er zwei Songs von deren Klassiker „Baggers Banquet“ interpretiert: „Sympathy for the Devil“ und „Salt of the Earth“, letzteres als Hackler-Hymne. Sehr, sehr anständig.
Spätestens an dieser Stelle muss die fantastische Band gewürdigt werden. Alexander Jost am Klavier, Thomas Toppler am Schlagzeug, Kristóf Szimán am Kontrabass und Elena Holzer an der Gitarre. Dass Vanyek allein ihnen die Interpretation von Brels „Ne me quitte pas“ überlässt, ist eine gute Idee. Denn das wäre wohl selbst für den furchtlosen Draufgänger Vanyek ein bisserl to much gewesen.
Source:: Kurier.at – Kultur



