
Am Sonntagvormittag liest Alice Schwarzer im Wiener Stadtsaal aus ihrem neuen Buch „Feminismus pur. 99 Worte“. Die Ankündigung verheißt: „Alice Schwarzer gibt Einblick in ihre Welt und zieht Bilanz.“ Das hat nun einen ganz neuen Klang, da die Publizistin am Mittwoch das Ende ihres Magazins Emma bekannt gegeben hat. Dass sich so eine Entwicklung à la longue abzeichnen könnte, zeigte sich bereits 2019 bei einem anderen Auftritt in Wien, an der Angewandten. Vereinzelte Studierende protestierten damals dagegen, Schwarzer eine „Plattform zu geben“, da sie sich mehrfach „sexarbeitsfeindlich, transphob und antimuslimisch-rassistisch geäußert“ habe. Es folgten Schreiduelle zwischen der Vortragenden und den angehenden Akademikern.
Debattenkultur
Es war einer der ersten Aha-Momente über Diskursentgleisung in der jüngeren Debattenkultur, in denen klar wurde, dass Menschen, von denen man Liberalismus erwartet, kein Problem damit haben, anderen den Mund zu verbieten. Und in denen aber auch klar wurde, dass Feminismus heute nicht mehr so eine klar umgrenzte thematische Fläche schraffiert, wie es das noch der Fall war, als Alice Schwarzer ihre Emma gegründet hat.
Das war 1977, eine Zeit, in der der Feminismus zwar kein Wahlrecht mehr erkämpfen musste, aber auch eine Zeit, in der etwa in Österreich eine Vergewaltigung in der Ehe straffrei war. Damals wurden Feministinnen als „Emanzen“ und „Männerhasserinnen“ verunglimpft. Konservative sahen sie als Zerstörerinnen von Ehe und Familie.
Gerade für den letzteren Bereich leistete Emma aber bereits 1978 wichtige Aufklärungsarbeit mit einem der ersten Dossiers über sexuellen Missbrauch von Kindern. Leserinnen und wohl auch so mancher Leser erfuhr in der Emma früh über Genitalverstümmelung bei Mädchen, die Zeitschrift erschrieb ein flächendeckendes Brustkrebs-Screening – Stichwort Gendermedizin –, als das noch gar kein Stichwort war.
Kopftuch
Und dann gab es die Themen, die in jüngerer Zeit zu Kontroversen führten: Schwarzer kampagnisierte gegen Pornografie, sie kritisierte die für Frauen erniedrigenden Machtverhältnisse. Feministinnen einer jüngeren sex- und body-positiven Generation sehen das nicht so eng, solange Frauen freiwillig dabei sind. Auch Sexarbeit will man heute differenzierter sehen.
In der Emma wurde auch schon lange vor Islamismus und dessen frauenfeindlichem Verhalten gewarnt, zum Thema Kopftuch meinte Schwarzer einmal: „Dafür habe ich nicht 50 Jahre lang gekämpft“. Nicht nur, als sie nach der „Kölner Silvesternacht“ von den Tätern als „fanatisierte Anhänger des Scharia-Islam“ sprach, wehte ihr – nicht zum letzten Mal – Kritik entgegen, sie spiele rechten Parteien in die Hände und sei rassistisch.
Queerfeminismus
Eine der Strömungen im heute wenig einheitlichen Feminismus kann mit Alice Schwarzer gar nichts anfangen: der Queerfeminismus, der unter anderem Transpersonen in seine Zielgruppe einschließt. Dessen Vertreter halten sie für transphob und originellerweise misogyn. Schwarzer verteidigte sich, dass sie niemals Transpersonen angegriffen habe: „Was ich allerdings kritisch sehe, ist die neue Transideologie, die das Recht auf den Personenstandswechsel ab dem 14. Lebensjahr und auf gefährliche Hormonbehandlungen und Operationen für alle fordert.“ Nicht zuletzt das Beispiel zeigt: Feminismus ist heute zu einem Begriff geworden, unter dem sich viele Schlagworte tummeln, die sich gerne auch in direkten Konflikt miteinander begeben.
Reibebaum
Es gibt den Feminismus, der für eine gender-spezifische Sprache ist, und einen, der gegen ausufernde Auswirkungen davon ist. Es gibt den antikapitalistischen Feminismus, der darauf pocht, …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



