
Geht der stationäre Handel in Österreich langsam den Bach runter? Die schlechten Nachrichten häufen sich. Am Montag gab die deutsche Wohnaccessoire-Kette Depot bekannt, sämtliche Filialen in Österreich zu schließen.Der insolvente Mitbewerber Interio versucht sich mit weniger Filialen zu sanieren.
Mit der Pleite der Baumarktkette Hellweg und dem Schrumpfkurs beim Sporthändler Hervis gab es heuer zwei weitere prominente Fälle. Handelsverbandschef Rainer Will sprach zum Auftakt der Kollektivvertragsverhandlungen in der Vorwoche von „fünf Insolvenzen pro Werktag“. Allerdings ging die Zahl der Pleiten heuer im Vergleich zum Vorjahr leicht zurück.
Pünktlich zum Start des Gehaltsfeilschens malte IHS-Ökonom Holger Bonin in der ORF Pressestunde am Sonntag ein düsteres Bild von der Branche. Man müsse damit rechnen, dass die Löhne im Handel über einen längeren Zeitraum nicht mehr nach oben gehen, sagte er mit Blick auf die KV-Verhandlungen.
Wenn man in die Innenstädte schaue, dann merke man, „dass es immer weniger Geschäfte gibt“ und diese etwa durch Restaurants ersetzt würden. Diese Veränderungen werde man nicht mehr zurückdrehen können, sagte Bonin. Wer im Handel arbeite, müsse die Signale erkennen und sich „auch umorientieren“, also die Branche wechseln. Bessere Chancen sieht er in der Gesundheits- und Freizeitindustrie.
Beschäftigung sinkt leicht
Die Fakten zeigen ein etwas differenzierteres Bild. Die Beschäftigung im gesamten heimischen Handel ging im ersten Halbjahr zwar um 0,5 Prozent auf 530.000 Personen zurück, das Minus war aber weniger stark als etwa in der Industrie oder am Bau. Die Arbeitslosigkeit stieg überdurchschnittlich stark um 3,9 Prozent auf 47.000 Betroffene, im Einzelhandel sogar um 5,4 Prozent.
Zugleich gab es 11.000 offene Stellen, um 12 Prozent weniger als 2025. Zum Vergleich: Im Tourismus und im Gesundheits- und Sozialwesen stieg die Beschäftigung im ersten Halbjahr zwar um jeweils 2,7 Prozent, jedoch verzeichnet der Gesundheitssektor sogar um 8,2 Prozent mehr Arbeitslose.
Der schwachen Konjunktur geschuldet stiegen die Gehälter im Einzelhandel in den vergangenen drei Jahren unter der rollierenden Inflation. Das durchschnittliche Vollzeitgehalt beträgt aktuell 2.586 Euro brutto, was 1.949 Euro netto entspricht. Bei einem 25-Stunden-Job sinkt das Netto-Einstiegsgehalt im Handel auf 1.237 Euro.
Die Teilzeitquote ist im Einzelhandel besonders hoch, mehr als jede und jeder Zweite (57 Prozent) hat keinen Fulltime-Job. Rund zwei von drei Beschäftigten sind Frauen, im Einzelhandel sogar fast drei Viertel. Die Gewerkschaft kritisiert Bonins Aussagen zu den angeblich hohen Lohnabschlüssen und verweist auf die für den Handel so wichtige Kaufkraft. Deutlich niedrigere Löhne würden weniger Kaufkraft und damit weniger privaten Konsum bedeuten.
Flächenschwund nimmt zu
Unbestritten ist, der stationäre Handel schrumpft seit Jahren. Zwischen 2015 und 2025 gingen die Verkaufsflächen um 3,5 Prozent und die Zahl der Standorte um 3,1 Prozent zurück, zeigen Daten des Handelsberaters Standort+Markt. Der Rückgang ist in den Innenstädten mit 13 Prozent am stärksten spürbar.
Hauptbetroffen sind der besonders unter der Online-Konkurrenz leidende Mode- und Schuhhandel. In den frei werdenden Flächen ziehen vor allem Gastro-Betriebe sowie Freizeit- und Gesundheitsdienstleister ein. Innenstädte und Einkaufszentren würden deshalb nicht „krachen“, sondern multifunktionaler, so Standort+Markt-Chef Hannes Lindner. Der Einzelhandel bleibe weiterhin der „Frequenzanker“ in den Städten.
Wirtschaftskammer-Präsident kritisiert Bonin-Aussagen
Kritik an Bonins Aussagen kam am Montag auch von Wirtschaftskammer-NÖ-Präsident Wolfgang Ecker. „Der Strukturwandel im Handel ist Realität und unsere …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



