
Wer wären wir ohne unsere Toten? Wären wir überhaupt noch dieselben Menschen? Und wie viel Macht haben Personen, die längst nicht mehr leben, eigentlich noch über uns? Fragen, die weit über den Friedhof hinausführen.
Der britische Soziologe Anthony Giddens hat sich damit beschäftigt, wie Menschen ihre eigene Identität entwickeln. Seine Überlegung: Jeder von uns versucht, seinem Leben einen Sinn zu geben. Indem wir uns fragen, woher wir kommen, was uns geprägt hat und warum wir heute so sind, wie wir sind. Dabei spielen auch jene eine Rolle, die vor uns da waren. Unsere Eltern, Großeltern, Freunde oder andere, die uns nahestanden. Selbst wenn sie längst gestorben sind oder wir sie nie kennengelernt haben, bleiben sie Teil unserer Geschichte.
Sinnbild einer untergegangenen Welt
Doch nicht nur Individuen suchen in ihrer Vergangenheit nach Antworten auf die Frage, wer sie sind. Ganze Länder tun das auch. Peter der Große und Katharina die Große werden bis heute bemüht, um Russlands imperiale Ansprüche zu rechtfertigen.
Und Österreich? Die Monarchie ist seit mehr als hundert Jahren Geschichte. Trotzdem begegnen uns Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth auf Schritt und Tritt. Auf Postkarten, in Souvenirgeschäften, in Filmen und Museen. Sisi ist längst zum Mythos geworden, Franz Joseph zum Sinnbild einer untergegangenen Welt. Warum halten wir so hartnäckig an ihnen fest? Ist es die Sehnsucht nach einer vermeintlich glanzvolleren Vergangenheit? Oder gehören sie längst so sehr zu unserem Selbstbild, dass wir uns Österreich ohne sie kaum vorstellen können?
Auch auf den Kriegerdenkmälern in unseren Städten und Dörfern ist die Vergangenheit gegenwärtig. Dort stehen die Namen von Menschen, die oft niemand mehr persönlich gekannt hat. Wir gehen täglich an ihnen vorbei. Doch was sehen wir, wenn wir stehen bleiben? Helden, Opfer eines Krieges oder Menschen, deren Leben viel zu früh endete? Die Namen bleiben dieselben. Was wir in ihnen sehen, verändert sich.
Symbol für Rassismus und Unterdrückung
Und manchmal sorgen die Lebenden ganz bewusst dafür. Der Erinnerungsforscher und Historiker Herbert Posch von der Universität Wien erklärt, dass sich Verstorbene besonders gut für politische Zwecke vereinnahmen lassen. „Schließlich können sie sich nicht mehr dagegen wehren, was spätere Generationen aus ihnen machen.“ Wie heftig der Streit um die Toten werden kann, zeigte sich in den USA. Dort standen jahrzehntelang Denkmäler für Generäle der Südstaaten, die im amerikanischen Bürgerkrieg für den Erhalt der Sklaverei gekämpft hatten.
Viele dieser Statuen wurden erst lange nach dem Krieg errichtet. Sie sollten nicht nur an die Vergangenheit erinnern, sondern auch ein politisches Zeichen setzen. Doch spätestens nach der Tötung von George Floyd im Jahr 2020 und den anschließenden Black-Lives-Matter-Protesten wurden diese Denkmäler zum Gegenstand erbitterter Auseinandersetzungen. Was für die einen zum historischen Erbe gehörte, war für die anderen ein Symbol für Rassismus und Unterdrückung.
Die Toten selbst schweigen freilich. Oder nur vermeintlich? Tatsächlich entscheiden die Lebenden, wer von ihnen weiterhin zu Wort kommt und wer endgültig verstummt. Doch es geht nicht nur darum, wie wir uns an die Toten erinnern. Sondern auch darum, an wen überhaupt. Posch verweist auf den französischen Historiker Pierre Nora, der dafür den Begriff der „Erinnerungsorte“ geprägt hat. Dazu gehören Denkmäler …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



