
Wer führen will, muss lernen, hinzuhören, sagt Olympiasieger Felix Gottwald. Doch es geht nicht nur darum, anderen zuzuhören, sondern sich selbst. Die Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen, sich nicht 24 Stunden lang beschallen zu lassen oder mit Informationen vollzustopfen. „Führung ohne Selbstführung geht sich nicht aus“, ist Gottwald überzeugt. Was er darunter versteht?
„Ich bin ein Fan der Einfachheit“, erklärt der ehemalige Nordische Kombinierer, der sich längst ein Standbein als Keynote-Speaker aufgebaut hat und mit Unternehmen zusammenarbeitet, wenn diese anspruchsvolle Zeiten zu meistern haben. Der Alltag wäre in seinen Augen ohnehin voll genug. Nur die einfachsten Methoden hätten langfristig eine Chance integriert zu werden.
Die für ihn unkomplizierteste, aber effektivste Methode, um privat aber auch beruflich besser zu funktionieren? In den Austausch zu gehen – und zwar mit dem eigenen Körper.
Hinhören statt weghören
„Wir haben einen physischen Körper, der meldet die ganze Zeit etwas zurück. Aber wir sind gut geworden im Ignorieren, Sabotieren und im Betäuben.“ Mehrere Kaffees oder Energy Drinks am Morgen, Kopfschmerztabletten bei einer anstrengenden Woche, Schlafmittel oder sogar Psychopharmaka wären in einer anspruchsvoller werdenden Unternehmenswelt gängig, um Höchstleistungen abzurufen. „Aus dem Silicon Valley wissen wir: Doping in der Mikrodosis ist in der Wirtschaft normal“, so Gottwald. „Nur prüft hier keiner: In welchem Zustand hat jemand seine Entscheidungen getroffen.“
Ob das auf Dauer eine sinnvolle Variante ist, wagt Gottwald zu bezweifeln. Er animiert dazu, stattdessen den Körper zu fragen, wie es ihm gerade geht . „Eine Verbindung herzustellen, ist der erste Schritt“, sagt er. Der zweite Schritt: Den Fokus auf das Herz legen. „Auch unsere Gefühle, unsere Emotionen wollen uns etwas mitteilen. Haben wir den Mut hinzuspüren oder schieben wir es nur auf die Seite in die esoterische Ecke“, stellt der Ex-Profisportler in den Raum.
„Wir könnten uns zum Beispiel selbst auf einer Skala von 0 bis 10 fragen: Wie sehr erfüllt mich gerade mein Arbeitsleben?“, schlägt er vor. 0 – ich bleibe im Bett liegen, bis 10 – ich kann den nächsten Arbeitstag kaum erwarten. „Dann kann ich mir bewusst überlegen, was ich an einem Tag konkret tun kann, um von 6,5 auf den Wert 7 zu kommen.“
Anspannung und Entspannung
„Damit ich gute Entscheidungen treffen kann, muss ich gut im Saft sein“, drückt es Felix Gottwald leger aus und führt seine Gedanken fort: Insbesondere eine Führungskraft, die Verantwortung für andere trage, müsse wortwörtlich in ihrer Kraft stehen, vor allem wenn der Druck hoch ist.
„Im Sport wird trainiert, bis der Körper ermüdet. Dann braucht er die Regenerationsphase, aus der er besser hervorgeht als vor dem Training“, beschreibt Gottwald das Prinzip der Superkompensation. Dieses ließe sich auch auf die Arbeitswelt ummünzen. „Anspannung und Entspannung, sind immer in Symbiose. Aber ich habe den Eindruck, dass wir ganz schlecht geworden sind in der Qualität des Erholens und Regenerierens.“ Das gilt es sich wieder anzueignen. Wem das nicht gelingt, führt ohne Selbstführung, warnt Gottwald. Fraglich ist, ob dann irgendjemand noch freiwillig folgt.
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



