St. Pölten: Ein Aktionismus, der Kinder ins Zentrum stellt

Kultur

Es wäre müßig, die Schülerinnen und Schüler der 2 B der Daniel-Gran-Schule zu fragen, ob sie den feinen Unterschied zwischen Happening, Action-Painting und Aktionismus benennen können.

Die Kinder sind nämlich am Eröffnungstag der neuen Ausstellung zu beschäftigt damit, sich für die zwei Schaukeln im ersten Stock des KinderKunstLabors anzustellen. Die Füße können dort dann in ein Stoffsackerl gepackt oder unbekleidet gelassen werden, es kommt Farbe drauf, und los geht es mit der Erschaffung eines abstrakten Gemäldes. Auch wenn die Schülerinnen und Schüler der 2 B die um Kinder zentrierte Institution kennen – die Klasse fungiert als „Beiratsklasse“ –, so ist diese Erfahrung für sie doch neu.

Unblutig

Aktionismus und Performancekunst ist in Österreich nicht unbedingt Volksschulstoff und durch die Präsenz von Künstlern wie Hermann Nitsch oder Günter Brus vielerorts noch mit Blut, Beuschel und Körperverletzung konnotiert. Dass das Wiener Aktionismus Museum (WAM) zuletzt eine hoch umstrittene Schau zu Otto Muehl eröffnete, förderte die Imagebildung aus Elternperspektive nicht gerade: Muehl, der sich zuerst im Kreise der frühen Aktionisten an Tabus abgearbeitet hatte, mutierte ab 1970 zum autoritären Guru und wurde 1991 u. a. wegen Kindesmissbrauchs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Beim Pfeifkonzert vor der Eröffnung der WAM-Schau stand Carola Dertnig in der Reihe der Protestierenden. Nicht nur als Künstlerin, auch als Professorin für Performative Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien war ihr stets an einer kritischen Sicht auf die Körperkunst gelegen.

Trotz ihrer Vielfalt dominierte nämlich auch hier lange die Männerperspektive. Der Franzose Yves Klein tauchte um 1960 nackte Akteurinnen in blaue Farbe und zog sie über Leinwände – wobei der Künstler die „menschlichen Pinsel“ führte. Dass Otto Muehl später für sogenannte „Rutschbilder“ Ähnliches ohne Konsens mit minderjährigen Mädchen vollführte, war eine jener Entgleisungen, die bis heute auf Opfern lasten.

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Als Pinsel frei schwingen

Beim Malen auf der Schaukel steuern die Kinder dagegen die Lage selbst. Allerdings war es ein langer Weg, bis die Installation nach Maßgabe aller Sicherheitsauflagen realisiert werden konnte, wie Mona Jas, Leiterin des KinderKunstLabors, erzählt.

Dertnig hatte die Schaukeln erstmals im Jahr 2000 im P. S. 1. realisiert – einer ehemaligen Schule, die als Dependance des Museum of Modern Art im New Yorker Stadtteil Queens geführt wird: „Damals haben wir’s einfach gemacht“, sagt sie. Die Idee kam ursprünglich von Kindern – ebenso wie jene zu einem frei variierbaren Minigolf-Parcours aus Pappröhren, der nun ebenfalls Teil der Installation ist.

Die Idee, ein Kunstwerk als „Environment“ in den ganzen Raum ausufern und durch ein junges Publikum vollenden zu lassen, hat freilich noch eine längere Vorgeschichte: Die Schau „Andere Räume“ im Münchner Haus der Kunst (2023/’24) blickte bis 1956 zurück und zeigte, dass Künstlerinnen wie Lygia Clark oder Judy Chicago die Entwicklung vorantrieben.

Eine historische Einordnung und ein Glossar zu den gängigen Fachbegriffen wird in St. Pölten übrigens in Form von Zetteln an den Wänden zur Verfügung gestellt. Man kann sie mitnehmen, für später. Beim Besuch werden nämlich vielleicht auch Eltern mit bunten Füßen auf der Schaukel sitzen wollen.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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