Venedig: Israelische Doku „NAZA“ über das systematische Töten in Gaza

Kultur

Die Interviewpartner des israelischen Regisseurs Yuval Abraham wollen anonym bleiben. Ihr Aussehen und ihre Stimmen wurden verfremdet, heißt es gleich zu Beginn der israelischen Doku „NAZA“, die zum Ende des Filmfestivals in Venedig im Wettbewerb gezeigt wurde. Die namentliche Nichtnennung der Whistleblower ist nicht weiter verwunderlich, sprechen sie doch unverhohlen über das israelische Militär und dessen Strategien zur systematischen Zerstörung von Gaza. Dass es infolge des grausamen Massakers der Hamas am 7. Oktober 2023 bei der Jagd auf palästinensische Täter seitens des israelischen Militärs auch zu „Kollateralschäden“ kommt, ist nichts Neues. Von offizieller israelischer Seite wird jedoch immer wieder betont, die Angriffe im Gazastreifen zielten nur auf Mitglieder von Terrororganisationen ab; man sei bemüht, zivile Opfer zu vermeiden.

Was aber Yuval Abraham und seine Co-Regisseurin Rachel Szor in ihrer unaufgeregten, in Zusammenarbeit mit der britischen Tageszeitung The Guardian entstandenen Doku „NAZA“ offenlegen, ist die kalkulierte Tötung von palästinensischen Zivilisten seitens des israelischen Militärs. Diese Opfer – darunter zahllose Frauen und Kinder – laufen im Militärjargon unter dem hebräischen Kürzel NAZA und bedeutet nichts weniger als „Kollateralschaden“.

Das israelische Regie-Duo Yuval Abraham und Rachel Szor war Teil eines vierköpfigen Kollektivs mit palästinensischen Aktivisten und Filmemachern, das in dem Film „No Other Land“ die verheerende Situation im Westjordanland dokumentierte und 2025 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Aber während „No Other Land“ mit oft wackeliger Kamera die Konflikte zwischen den Bewohnern eines palästinensischen Dorfes mit dem israelischen Militär verfolgte, zeichnet sich „NAZA“ durch eine komplett andere Ästhetik aus.

  Sandra Bullock und Nicole Kidman: Verliebt in eine Hexe

Formschön gefilmt auf den nächtlichen Dächern im Herzen von Tel Aviv, sitzt Yuval Abraham seinen Interviewpartnern im Halbdunkel gegenüber und befragt sie zu ihrer Rolle im Gaza-Krieg. Bei seinen Gesprächspartnern handelt es sich um (Ex-)Geheimdienstoffiziere aus Elite-Einheiten und Insidern von KI-Erfassungssystemen.

Gehackte Telefone

Anschaulich legen die Befragten – oft mithilfe kleiner Skizzen – die Überlegungen der Militärführung dar. Nachdem sich nächtliche Attacken am besten eignen, um Verdächtige auszuschalten, wird keine Rücksicht auf das familiäre Umfeld genommen. Die Interviewpartner erzählen, wie sie über gehackte Telefonleitungen den Gesprächen der Zielpersonen mit ihren Frauen und Kindern zuhörten, ehe der tödliche Angriff erfolgt und die Familie auslöscht. Detailreich berichten sie von systematischen Zerstörungen ganzer Viertel und der gezielten Tötung von Zivilisten bei Nahrungsmittelausgaben.

Während dieser horrenden Erzählungen streicht die Kamera über die glitzernden Hochhäuser eines Tel Aviv bei Nacht. In dessen Zentrum befinden sich die Hauptquartiere des israelischen Militärs, aber auch zahlreiche Wohnungen, in denen Menschen ihren abendlichen Routinen wie Fernsehen nachgehen. Einer der Militärs bringt im Gespräch den Holocaust ins Spiel und stellt sich die Frage, welche Rolle er selbst beim systematischen Töten der Palästinenser spielt.

Nein, es gehe keineswegs darum, den Holocaust mit der Situation in Gaza gleichzusetzen, betont Yuval Abraham, der selbst einen großen Teil seiner Familie im Holocaust verloren hat, auf der Pressekonferenz: „Aber wenn wir das Andenken an den Holocaust wahren wollen, sollten wir ein System des Tötens erkennen und darüber nachdenken, welche Muster sich in der Gegenwart erkennen lassen. Und wir sollten daraus lernen, an die Menschenrechte zu glauben und Mitgefühl zu zeigen.“

  Thurnher will den ORF „digital entfesseln“

Milch und Windeln

Eine Einübung in Mitgefühl bietet die …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.