
Wer kennt es nicht, das klamme Gefühl, wenn man abends noch allein in den Keller gehen muss: Auch Erwachsene spüren da oft jene Mulmigkeit, die seit der Kindheit nie ganz wegging.
„Angst motiviert sämtliche Abwehrmechanismen der menschlichen Psyche“, sagt Monika Pessler, Direktorin des Freud Museums in der Wiener Berggasse. Die Institution ist einer jener zahlreichen Partner, die bis 13. November Sonderprogramme im Rahmen der „Vienna Art Week“ anbieten, um Wiens Kunstszene aufs Podest zu stellen.
Die Kunst nämlich hat unter anderem die Fähigkeit, psychische Zustände wie Angst einerseits zu vergegenwärtigen und sie andererseits einer distanzierten Betrachtung zugänglich zu machen. Und so, das ist zumindest die Hoffnung, könnte sich ein reflektierter Umgang auch mit jenen Ängsten einstellen, die uns im Alltag und im Blick auf die politischen Geschehnisse derzeit verunsichern.
Das Haus in der Goldschlagstraße 1 nahe dem Wiener Westbahnhof, das das Kunstfestival nun mit einer einwöchigen Kurzzeit-Ausstellung zum „House of Navigating Angst“ umdefiniert hat, funktioniert als Testparcours für den ästhetischen Umgang mit Angst jedenfalls sehr gut.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele der Werke, die Kuratorin Anne Zühlke auswählte, jene klamme Ungewissheit verstärken, die den aufgelassenen Räumlichkeiten bereits eingeschrieben ist. Die Praxis der künstlerischen Zwischennutzung von heruntergekommenen Immobilien, die ihrerseits oft genug schon Abnutzungserscheinungen zeigt, wirkt hier wieder frisch, weil stimmig und durchdacht.
Im (durchaus schaurigen) Keller des Gebäudes spielt Licht und Schatten etwa eine zentrale Rolle – eine Skulptur der Ukrainerin Alina Kleytman ruft, gekonnt beleuchtet, entsprechende Monster-Assoziationen wach und legt die Rutsche zu einem Video der US-Starkünstlerin Kara Walker, die ebenfalls Schattenspiel-Ästhetik nutzt, um über Lynchmorde und rassistisch motivierte Gewalt zu erzählen: Die Angst, Opfer von solcher zu werden, verfolgt Nicht-Weiße schließlich nach wie vor.
Das Haus, das nach einer Nutzung mit Kurzzeit-Ateliers mitten im Umbau zu einer Art Kunst-Hotel befindet, beherbergte einst Wohnungen sowie einen Fachbetrieb für Billardtische und -zubehör (inklusive eines „Museums für Billard und Kaffeehauskultur“, wie ein Schild verrät). Die leeren Wohnungen tragen selbst noch Spuren ihrer einstigen Bewohner – die Schatten von Bilderrahmen und einem Kruzifix etwa, oder ein Ensemble von Einbaumöbeln, die den Charme eines Landgasthauses der 1970er an den Neubaugürtel transferiert.
Schemen und Nachbilder
Die Schau setzt hier etwa mit den schemenhaften, auf Polyurethanschaum gedruckten Bildern der Künstlerin Billie Clarken auf, die wie „Nachbilder“ wirken – Eindrücke, die bei geschlossenen Augen vor dem geistigen Auge auftauchen. Melanie Ebenhoch verdoppelt einen Schrank, wie er auch in einer der Wohnungen stehen könnte, als minimalistische Skulptur. Nanna Kaiser arbeitete mit vorgefundenen Möbeln, die sie mit kreisrunden Löchern und Farbe in undefinierte Objekte transformierte, aus deren Inneren ein Licht zu strahlen scheint. Sophie Dvořák setzt vor den abgeschabten Wänden und Tapeten eigene Flachreliefs auf Gipskartonplatten, die dem Zufall eine gestaltete Oberfläche entgegenhalten und zeigen, was sein könnte.
Das Motiv „Angst“ illustrieren diese Werke kaum – doch sie versetzen in den Zustand zwischen dem Gewesenen und dem Möglichen, dem Nicht-Mehr-Lebenden und dem (Wieder)belebten. Darin ähneln viele Kunstwerke dem Haus selbst, das sich im Prozess einer Transformation befindet – und durchaus auch Vorsicht und Trittsicherheit erfordert, wie die Veranstalter betonen (die Zahl der Personen, die …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



