Er gab dem Schas die Form: Zwei Ausstellungen in Wien feiern Franz West

Kultur

Das lang gestreckte, senkrecht stehende braune Objekt, das am Eingang des großen Saales der Albertina modern zweimal zu bewundern ist – einmal klein, einmal knapp vier Meter hoch – nennt sich „Flatus“. Das ist der lateinische Begriff für „Blähung“, oder wie der Wiener sagen würde: für einen „Schas“.

Franz West schuf also einen kleinen und einen großen Schas, und man könnte es bei diesem Schenkelklopfer belassen, wenn das Werk des Wieners nicht an so manchen Grundverständnissen der Kunstwelt gerüttelt hätte.

Nicht nur, dass die Überführung von banalen, ja niederen Dingen in ein monumentales Format die Skulptur und Plastik als traditionelles Medium für Helden- und Reiterstandbilder ordentlich aus den Angeln hob: Bei West bekamen Dinge eine dreidimensionale Form, die bis dahin noch keine solche gehabt hatten. Neben Flatulenzen waren das etwa Maulschellen (bundesdeutsch für „Ohrfeigen“), Gedankenüberschüsse, verschiedene Körperbefindlichkeiten oder Neurosen.

Skulpturen, die zwicken

Zwei Ausstellungen, die das Wien Museum und die Albertina modern nun in Kooperation realisiert haben, breiten den Kosmos des 2012 verstorbenen Künstlers aus, der im Februar kommenden Jahres 80 geworden wäre.

Das Wien Museum führt dabei in kompaktem Rahmen die Keimzellen des West’schen Oeuvres vor, die allesamt einen spezifischen Ort in Wien haben. Ins Atelier von Friedensreich Hundertwasser am Graben etwa wurde der junge Künstler einst nicht vorgelassen, was ihn aber nicht daran hinderte, den Segen des Meisters zu behaupten und Zeichnungen im Hundertwasser-Stil zu verkaufen. In der Wohnung der Mutter im Karl-Marx-Hof entstanden dann ab 1974 die ersten „Passstücke“ – Objekte, die getragen werden sollten und die Idee von Ritualobjekten (man denkt an Zepter, Bischofsstäbe oder Monstranzen) mit solchen von Prothesen und der Performancekunst verschmolzen.

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In Ateliers im ersten und dritten Wiener Bezirk (jenes am Wiener Esteplatz ist nun als Außenstelle der Schau zugänglich) entstanden später mit zahlreichen Mitwirkenden jene Möbel, Modelle und Großskulpturen, die Wests Ruf ab den 1980er-Jahren in die Welt trugen.

Möbel, die motivieren

Der Ausstellung in der Albertina modern gelingt es besonders gut, diese Sprünge vom Kleinen ins Große (und wieder zurück) spür- und nachvollziehbar zu machen und dabei die verbindenden Elemente zwischen einzelnen Werkbereichen zu betonen. Denn die Diwane und Sessel, die West in den 1980ern schweißen, bespannen und bemalen ließ, waren ihm nichts anderes als erweiterte Passstücke, die im Gebrauch bestimmte Zustände herstellen und die Person, die sitzt, liegt oder trägt, ein Stück weit zum Performer und zur „Skulptur“ machen.

Auch wenn nicht alle Querverbindungen in die österreichische Kunstgeschichte explizit ausgeschildert sind, lassen sich viele erkennen – Maria Lassnigs Körperbewusstseins-Malerei, Oswald Wieners Selbstbeobachtungen oder Walter Pichlers Prothesen sind ebenso Teil des Kontinuums wie Erwin Wurms „One Minute Sculptures“. Dass West selbst unentwegt mit anderen Künstlern und Künstlerinnen kooperierte, dabei (ohne allzustrenges Copyright-Management) Ideen aufsaugte und ebenso abgab, wird in einem Raum der Schau nur angerissen.

In ihrem Gesamtumfang übertrifft die Doppelausstellung aber die große Retrospektive, die 2018/’19 im Pariser Centre Pompidou und in der Londoner Tate Modern gezeigt wurde. Damals stand Wests Kurs am internationalen Kunstmarkt noch höher, was seither u. a. durch andauernde Erbstreitigkeiten etwas gebremst wurde.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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